Die Vernunft ist für mich nicht nur eine Notwendigkeit. Sie ist eine lebenslange Liebe.
Mein Name ist Michael Gutmann. Ich bin Philosoph, Pädagoge und Bildungswissenschaftler, Autor und seit vielen Jahren Begleiter von Menschen, die in ihrem Denken, Entscheiden und Leben nach Klarheit suchen. (In meiner Philosophisch-Therapeutischen Praxis SokratesBerlin)

Ursprünglich komme ich aus einer ganz anderen Welt: aus dem hochwertigen Maschinenbau, aus der Technik, aus einer Welt also, in der eine Sache funktionieren muss, in der Kräfte wirken, Zusammenhänge stimmen und Behauptungen sich an dem bewähren müssen, was tatsächlich der Fall ist. Vielleicht war auch dies schon eine frühe Schule jener Genauigkeit, die mich später auf einem anderen Weg, nun im Denken selbst, immer weiter beschäftigen sollte.
Denn Klarheit war für mich niemals nur eine nützliche Eigenschaft des Denkens. Sie war und ist eine Notwendigkeit. Mehr noch: Sie ist mir zu einer lebenslangen großen Liebe geworden.
Damit meine ich nicht jene Klarheit, die alles vereinfacht, bis von einer schwierigen Sache kaum noch etwas übrigbleibt. Ich meine auch nicht die Kälte einer bloßen Logik, die den Menschen aus ihrer Betrachtung ausschließt.
Klarheit heißt für mich vielmehr, einer Sache so lange nachzugehen, bis deutlicher wird, was sie ist, was wir über sie wissen, was wir nur meinen, welche Gründe unser Urteil tragen und an welchem Maß sich dieses Urteil verantworten lässt.
Ein klarer Gedanke muss nicht einfach sein. Aber er sollte wissen lassen, worauf er beruht.
Vielleicht liegt darin bereits viel von dem, was mein philosophisches Arbeiten bestimmt.
Mein Weg zur Vernunft
Ich habe mich während meines Lebens mit sehr verschiedenen Bereichen beschäftigt: mit Technik und Naturwissenschaft, mit Pädagogik und Bildung, mit Philosophie und Philosophiegeschichte, mit Sprache und Schreiben, mit menschlichen Entscheidungen, Irrtümern, Konflikten und Lebensfragen. Auf den ersten Blick mögen diese Gebiete weit auseinanderliegen. Rückblickend erscheinen sie mir zunehmend als verschiedene Wege zu ein- und derselben Frage.
Wie können wir erkennen, was wir eigentlich denken – und wie können wir prüfen, ob unser Denken trägt?
Diese Frage ist für mich keine akademische Nebenfrage. Sie reicht mitten in das Leben hinein.
Wir entscheiden nach Gedanken. Wir lieben und fürchten aufgrund dessen, was uns etwas bedeutet. Wir beurteilen Menschen, Ereignisse und Möglichkeiten. Wir wählen Berufe, Lebensweisen, Beziehungen und politische Überzeugungen. Wir hoffen, zweifeln, verwerfen, beginnen von Neuem. Immer wieder liegen unseren Entscheidungen Sätze zugrunde, die wir irgendwann gebildet, übernommen oder vielleicht niemals ausdrücklich geprüft haben.
Gerade deshalb erscheint mir das Denken als etwas viel zu Bedeutendes, um es dem Zufall zu überlassen.
Wir lernen unendlich vieles, doch erstaunlich selten lernen wir, unser eigenes Denken selbst zum Gegenstand einer ernsthaften Prüfung zu machen.
Wir lernen Antworten, aber nicht immer das Fragen. Wir erwerben Wissen, ohne notwendig zu lernen, Wissen von Meinung zu unterscheiden. Wir besitzen Überzeugungen und bemerken oft erst spät, auf welchen Voraussetzungen sie beruhen.
Hier beginnt für mich Philosophie.
Nicht dort, wo ein Mensch möglichst viele philosophische Lehrmeinungen kennt, sondern dort, wo er bereit wird, sich von der Frage treffen zu lassen, ob das, was er für wahr hält, auch wirklich wahr sein könnte.
Sokrates und die Kunst des Prüfens
Dabei begleitet mich seit langem vor allem Sokrates.
Nicht Sokrates als historische Figur, die man ehrfürchtig in die Vergangenheit stellt, sondern Sokrates als Möglichkeit des Denkens. Als jemand, der den Menschen nicht dadurch ernst nimmt, dass er ihm bestätigt, was dieser ohnehin glaubt, sondern gerade dadurch, dass er mit ihm fragt.
- Was meinst Du damit?
- Woher weißt Du das?
- Was spricht dafür?
- Was dagegen?
- Was setzt Dein Gedanke bereits voraus?
- Und woran willst Du erkennen, dass Deine Antwort eine gute Antwort ist?
Diese Fragen erscheinen schlicht. Doch wer ihnen wirklich folgt, bemerkt bald, wie tief sie reichen können. Sie führen vom ausgesprochenen Satz zu seinen Voraussetzungen, vom Urteil zu seinen Gründen und schließlich zu der Frage nach dem Maß, an dem wir überhaupt entscheiden, was als wahr, richtig, gerecht oder gut gelten soll.
Sokratisches Denken bedeutet für mich deshalb nicht, Menschen mit Fragen in die Enge zu treiben. Es bedeutet, einem Gedanken die Möglichkeit zu geben, sich zu zeigen. Was trägt, darf bestehen. Was unklar ist, soll klarer werden. Was sich als Irrtum erweist, darf fallen.
Darin liegt keine Niederlage.
Darin liegt Erkenntnis.
Vernunft bedeutet für mich nicht Gefühllosigkeit
Zur Klarheit gehört auch, Unterschiede nicht einzuebnen. Deshalb war es mir immer wichtig, Vernunft nicht gegen das menschliche Empfinden auszuspielen. Gefühle, Erfahrungen, Ahnungen und Intuitionen gehören zu unserem Leben. Sie können uns auf etwas aufmerksam machen, lange bevor wir es vollständig verstanden haben. Sie können anzeigen, dass uns etwas betrifft, dass etwas nicht stimmt oder dass etwas unserer weiteren Aufmerksamkeit bedarf.
Aber ein Hinweis ist noch kein Beweis, eine Empfindung noch kein Urteil und innere Gewissheit noch keine Wahrheit.
Gerade hier braucht es Vernunft.
Nicht um das Gefühl zum Schweigen zu bringen, sondern um zu unterscheiden, was sich uns zeigt und was wir daraus schließen. Nicht um das menschliche Leben ärmer zu machen, sondern um es vor der Verwechslung seiner verschiedenen Weisen des Erkennens zu bewahren.
Vernunft ist deshalb für mich kein Gegensatz zum Lebendigen. Sie ist eine Weise, ihm gerecht zu werden.
Die NEUE VERNUNFT
Aus diesen Gedanken ist über viele Jahre etwas entstanden, das heute den Namen NEUE VERNUNFT trägt.
Das Wort „neu“ soll dabei nicht behaupten, die Vernunft müsse neu erfunden werden. Im Gegenteil. Vieles von dem, worauf ich mich beziehe, ist sehr alt. Sokrates und Platon stehen am Anfang eines Denkweges, dessen Fragen keineswegs veraltet sind. Auch die Aufklärung, Kant und die lange Geschichte des europäischen Denkens gehören zu diesem Weg.
Neu werden muss vielleicht weniger die Vernunft selbst als unser Verhältnis zu ihr.
Denn Vernunft besitzt man nicht wie einen Gegenstand. Man muss sie gebrauchen. Man muss prüfen, unterscheiden, begründen, widersprechen können und sich widersprechen lassen. Man muss bereit sein, einem Gedanken zu folgen, aber ebenso bereit, ihn wieder preiszugeben, wenn bessere Gründe gegen ihn sprechen.
Die NEUE VERNUNFT versucht deshalb, das vernünftige Denken wieder in Bewegung zu bringen.
Sie beginnt bei unseren wirklichen Sätzen, unseren wirklichen Fragen und unseren wirklichen Entscheidungen. Sie fragt nach Begriffen und Voraussetzungen, nach Gründen und Gegengründen, nach Maßstäben und Folgen. Sie verlangt keine Unfehlbarkeit. Sie verlangt etwas zugleich Bescheideneres und Anspruchsvolleres: Rechenschaftsfähigkeit des Denkens.
Das heißt: Ich sollte sagen können, weshalb ich glaube, was ich glaube.
Und ich sollte bereit sein, diese Gründe prüfen zu lassen.
Ein Herzenswerk
Je länger ich an der NEUEN VERNUNFT arbeite, desto deutlicher erkenne ich, dass vieles von dem, womit ich mich früher beschäftigt habe, auf eigentümliche Weise auf dieses Werk zulief.
Die Technik lehrte mich Genauigkeit und Zusammenhang. Die Pädagogik führte mich zur Frage, wie Menschen lernen und wie Bildung möglich wird. Die Philosophie öffnete die Frage nach Wahrheit, Erkenntnis und dem Guten. Die Arbeit mit Menschen zeigte mir, wie sehr Lebensprobleme zugleich Denkprobleme sein können und wie viel sich verändern kann, wenn ein Mensch nicht einfach eine neue Antwort erhält, sondern seine eigenen Gedanken klarer zu sehen beginnt. Das Schreiben wiederum lehrte mich, dass ein Gedanke erst dann wirklich Gestalt gewinnt, wenn die Sprache ihn zu tragen vermag.
Nichts davon war bloß Vorbereitung. Jedes dieser Gebiete hatte seinen eigenen Wert. Und doch erkenne ich heute einen Zusammenhang, den ich früher nicht in dieser Deutlichkeit sehen konnte.
Die NEUE VERNUNFT ist deshalb mein Herzenswerk.
Und sollte meinem bisherigen Arbeiten nichts Größeres mehr folgen, so würde ich sie wohl auch mein Hauptwerk nennen. Nicht, weil in ihr bereits alles vollendet wäre. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Ein Denken, das sich der Vernunft verpflichtet, kann seinem Wesen nach niemals einfach abgeschlossen sein. Jede Antwort kann eine neue Frage eröffnen, jede Klärung einen bislang verborgenen Grund sichtbar machen.
Ein Hauptwerk wäre sie für mich vielmehr deshalb, weil in ihr vieles zusammenkommt, was mein Denken und Arbeiten über Jahrzehnte bestimmt hat.
Was zuvor nebeneinanderstand, beginnt sich zu fügen.
Warum diese Website?
Diese Website ist deshalb keine Werbefläche für eine fertige Lehre.
Sie ist ein Ort des Denkens.
Ich möchte hier einen möglichen Weg vernünftigen Denkens aufzeigen, Gedanken entwickeln, Begriffe untersuchen, vermeintliche Selbstverständlichkeiten befragen und Zusammenhänge sichtbar machen.
Manche Texte, vor allem im Blog, werden grundlegend sein, andere werden von einer alltäglichen Beobachtung ausgehen. Es wird um Vernunft gehen, um Gefühle und Entscheidungen, um Bildung und Gesellschaft, um Demokratie, Technik, Sprache und Kultur, um Sokrates und die Geschichte unseres Denkens und immer wieder um jene eigentümliche menschliche Fähigkeit, nicht nur Gedanken zu haben, sondern über sie nachdenken zu können.
Dabei möchte ich niemandem vorschreiben, was er denken soll.
Mich interessiert etwas anderes: wie wir denken können, damit unser Denken prüfbar, begründbar und verantwortbar wird.
Wer diese Seiten liest, muss deshalb meine Auffassungen nicht teilen. Widerspruch gehört zum Denken. Doch auch der Widerspruch gewinnt, wenn er Gründe nennen kann; ebenso wie Zustimmung erst dann wirklich wertvoll wird, wenn sie mehr ist als bloßes Gefallen.
Vielleicht ist dies die Einladung, die hinter dieser ganzen Website steht:
- Nicht mir zu glauben.
- Nicht einer Schule zu glauben.
- Nicht einem Zeitgeist zu glauben.
Sondern genauer hinzusehen, deutlicher zu unterscheiden, besser zu fragen und den eigenen Gedanken jene Prüfung zuzumuten, durch die aus bloßem Meinen allmählich Erkenntnis werden kann.
Denn Vernunft beginnt nicht damit, dass wir recht haben.
Vernunft beginnt dort, wo uns die Wahrheit wichtiger zu werden vermag als das Rechthaben.
Dr. phil. Michael Gutmann
Berlin