Kurs: Klar und vernünftig denken - NEUE VERNUNFT

Kurs: Klar und vernünftig denken


Einführung in einen Lesekurs in zehn Schritten

Vielleicht kennst Du einen Abend wie diesen: Der Tag liegt hinter Dir, die Arbeit ist getan, und doch kommt etwas in Dir nicht zur Ruhe. Ein Gespräch kehrt wieder, eine Entscheidung wartet, eine Unzufriedenheit lässt sich nicht länger beiseiteschieben. Während Du noch nach Worten suchst, steht plötzlich ein Satz im Raum: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Du hast ihn vielleicht schon oft gedacht, heute aber klingt er wie eine Gewissheit. Als hätte sich die Sache selbst ausgesprochen und als bliebe Dir nur noch, ihrem Spruch zu folgen.

Doch was hat sich da ausgesprochen? Eine Einsicht, die lange gereift ist? Die Erschöpfung dieses einen Tages? Eine begründete Forderung nach Veränderung? Oder eine Hoffnung, die im Wechsel des Berufes bereits die Lösung für etwas sucht, dessen eigentlicher Grund noch unklar geblieben ist? Du musst den Satz weder zurückweisen noch ihm sogleich gehorchen. Zunächst kannst Du ihn vor Dich bringen und fragen, was ihn trägt.

Mit dieser kleinen Wendung beginnt der Kurs KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! Er lädt Dich ein, jenen Gedanken nachzugehen, die Dein Urteilen und Handeln bestimmen, und ihnen die Fragen zu stellen, die im gewöhnlichen Fortgang des Lebens leicht ungestellt bleiben. Du brauchst dafür keine philosophische Vorbildung. Du brauchst die Bereitschaft, bei einer Sache zu verweilen und auch dort genauer hinzusehen, wo Du Dich bisher auf das scheinbar Selbstverständliche verlassen hast.

Was heißt es, klar und vernünftig zu denken?

Ein Gedanke kann uns vertraut sein und dennoch ungeklärt bleiben. Er kann uns beruhigen, ohne gut begründet zu sein, und er kann uns bedrängen, obwohl manches gegen ihn spricht. Solange wir nur wiederholen, was wir ohnehin glauben, erfahren wir wenig darüber, ob unser Glaube berechtigt ist. Erst wenn wir nach Bedeutung, Voraussetzung und Grund fragen, beginnt der Gedanke, über sich Auskunft zu geben.

Klar zu denken heißt zunächst, unterscheiden zu können: Was meine ich mit meinen Worten? Was habe ich tatsächlich erfahren, und was habe ich daraus geschlossen? Was weiß ich, was vermute ich, und was wünsche oder befürchte ich? Vernünftig wird dieses Denken, indem es seine Gründe prüft, Einwände zulässt und nach dem Maß fragt, an dem es sein Urteil ausrichtet. Denn selbst ein verständlich ausgesprochener Gedanke kann auf einer unhaltbaren Voraussetzung beruhen; selbst ein geschickt verfolgtes Ziel kann der Prüfung bedürfen, ob es überhaupt ein gutes Ziel ist.

Der Leitgedanke dieses Kurses lautet deshalb: Vernünftiges Denken ist ein Denken, das sich selbst Rechenschaft gibt. Rechenschaft geben bedeutet hier, sagen zu können, was Du behauptest, worauf Du Dich dabei stützt und weshalb Du diese Gründe für tragfähig hältst. Dazu gehört auch, die Grenze Deines Wissens zu benennen und zu erkennen, unter welchen Umständen Du Dein Urteil ändern müsstest.

In diesem Sinne folgt der Kurs einer sokratischen Haltung. Auch die eigene Überzeugung wird befragbar, und der Einwand erhält sein Recht, sofern er sachlich begründet ist. Was gilt, muss sich an der Sache bewähren. Das betrifft ebenso die Gedanken, die Dir auf diesen Seiten begegnen: Du sollst sie nachvollziehen, erproben und prüfen können.

Was Dir dieser Weg eröffnen kann

Wer die eigenen Gedanken genauer unterscheiden lernt, kann auch die Schwierigkeiten seines Lebens genauer erkennen. Vielleicht zeigt sich, dass eine Entscheidung auf einer Befürchtung beruht, die bisher wie eine feststehende Tatsache behandelt wurde. Vielleicht wird in einem Streit deutlich, dass beide Beteiligten dasselbe Wort gebrauchen und Verschiedenes darunter verstehen. Vielleicht gewinnt ein lange gehegter Wunsch erst dadurch Gestalt, dass Du erkennst, welchem Gut er dienen soll und welche Verantwortung seine Verwirklichung mit sich bringt.

So kann aus einer unbestimmten Unruhe eine bearbeitbare Frage werden. Du kannst begründeter zustimmen, widersprechen oder Dein Urteil offenhalten; Du kannst Dich entscheiden und verständlich machen, weshalb Du so entscheidest. Darin liegt eine Form geistiger Selbstständigkeit: Du lernst, die Gründe Deines Urteilens selbst zu prüfen, statt ihre Geltung nur aus Gewohnheit oder von einer fremden Autorität zu übernehmen.

Auch Gefühle, Ahnungen und persönliche Erfahrungen haben auf diesem Weg ihren Ort. Eine Unzufriedenheit kann auf einen wirklichen Missstand aufmerksam machen, eine Freude auf eine Möglichkeit, die bisher unbeachtet blieb. Was Du empfindest, verdient Aufmerksamkeit; welche Folgerung daraus berechtigt ist, bedarf einer eigenen Prüfung. Die Vernunft nimmt solche Hinweise auf und fragt, was sie erkennen lassen und wo ihre Aussagekraft endet.

Eine eigene Frage begleitet Dich durch den Kurs

Am fruchtbarsten wird dieser Lesekurs, wenn Du eine Frage mitbringst, an der Dir etwas liegt. Das kann eine Lebensentscheidung sein, eine Schwierigkeit im Umgang mit einem Menschen oder eine Überzeugung, deren Gründe Du genauer verstehen möchtest. Wähle für den Anfang etwas, das sich an einer konkreten Situation betrachten lässt. Auch eine große Frage wird zugänglicher, wenn Du sagen kannst, wo sie Dir im eigenen Leben begegnet.

Im Kurs wird uns beispielhaft der Satz „Ich muss meinen Beruf wechseln“ begleiten. An ihm lässt sich zeigen, wie eine zunächst feststehend erscheinende Antwort wieder zur Frage werden kann. Was bedeutet hier „muss“? Geht es um den Beruf, um die gegenwärtige Arbeitsstelle oder um die Weise, in der jemand arbeitet? Was genau soll sich ändern, und weshalb? Im weiteren Nachdenken kann sich darunter eine grundlegendere Frage öffnen: „Wofür will ich da sein?“ Dann reicht die Prüfung über die Wahl einer Beschäftigung hinaus und berührt die eigene Lebensaufgabe, den Sinn des Tätigseins und die Frage, was es wert ist, getan zu werden.

Diese Vertiefung lässt sich nicht im Voraus verordnen. Vielleicht erweist sich ein Berufswechsel als gut begründet; vielleicht zeigt sich eine andere Möglichkeit, vielleicht fehlt zunächst entscheidendes Wissen. Das Beispiel soll den Gang der Prüfung sichtbar machen, ohne sein Ergebnis vorwegzunehmen. Deine eigene Frage darf sich ebenso verändern, präziser werden oder in mehrere Fragen auseinanderlegen. Gerade darin kann ein Fortschritt liegen: Du erkennst genauer, was überhaupt zu klären ist.

Wie Du mit diesem Lesekurs arbeitest

Die Kapitel führen Dich jeweils von einer alltäglichen Situation zu einer sokratischen Leitfrage und entfalten daran einen Schritt vernünftigen Denkens. Ein überschaubarer Denkversuch lädt Dich ein, das Gelesene an Deiner eigenen Frage zu erproben. Du kannst den Kurs selbstständig lesen und seine Anregungen in Deinem eigenen Tempo aufnehmen.

Lege Dir dafür am besten ein Heft oder ein einfaches digitales Dokument an. Halte zu Beginn Deinen Ausgangssatz fest und ergänze im Verlauf des Kurses, was sich an ihm klärt, was fraglich wird und welche Gründe hinzukommen. Bewahre die frühere Fassung auf, wenn Du etwas änderst. So kannst Du später sehen, wie sich Dein Denken bewegt hat: welche Gewissheit einer Frage wich, welche Vermutung sich bestätigte und welche Entscheidung schließlich eine tragfähigere Begründung fand.

Lies langsam genug, um mitdenken zu können. Wenn ein Absatz Deine Frage berührt, darfst Du dort verweilen, etwas notieren oder das Kapitel für diesen Tag schließen. Manches wird sich erst im Alltag zeigen, wenn Du ein Gespräch führst, eine Beobachtung machst oder bemerkst, wie rasch ein vertrautes Urteil wiederkehrt. Die Zeit zwischen den Kapiteln gehört deshalb zum Lernen dazu. Gehe weiter, wenn Du den jeweiligen Schritt so weit verstanden hast, dass Du ihn an Deinem Beispiel versuchen kannst.

Die zehn Schritte des vernünftigen Denkens

Der Weg beginnt mit dem Innehalten: Du bemerkst, was Du Dir über eine Sache bereits gesagt hast. Danach bringst Du Deinen Gedanken in einen klaren Satz und befragst seine tragenden Wörter. Im vierten Schritt unterscheidest Du, was Du weißt, von dem, was Du meinst, deutest oder vermutest. Im fünften suchst Du nach den unausgesprochenen Voraussetzungen, auf denen Dein Gedanke beruht; im sechsten prüfst Du Gründe und Gegengründe.

Der siebte Schritt führt zur Frage nach dem Maß Deines Urteilens: Was gilt Dir als gut, richtig oder erstrebenswert, und weshalb? Der achte nimmt die absehbaren Folgen für Dich und andere in den Blick. Im neunten übst Du, ein begründetes Noch-nicht-Wissen auszuhalten. Der zehnte führt zur Entscheidung und zur Bereitschaft, für sie einzustehen und sie angesichts besserer Gründe zu berichtigen.

Diese Reihenfolge gibt dem Lernen eine Orientierung. Im tatsächlichen Denken greifen die Schritte ineinander: Ein Einwand kann Dich zu einem ungeklärten Wort zurückführen, eine bedachte Folge zur erneuten Prüfung Deines Maßstabs. Mit wachsender Übung wirst Du leichter bemerken, an welcher Stelle eine Frage weitere Arbeit verlangt und wann die Prüfung für eine verantwortbare Entscheidung ausreicht. Auch das Maß des Prüfens will gelernt sein; die Sorgfalt soll der Bedeutung der Sache entsprechen und das notwendige Handeln ermöglichen.

Dein erster Denkversuch: Womit möchtest Du beginnen?

Nimm Dir nun einige ruhige Minuten und wähle eine Frage, die Dich gegenwärtig beschäftigt. Schreibe zunächst den Satz auf, der Dir dazu am ehesten durch den Kopf geht. Er darf entschieden, unvollständig oder einseitig sein; für den Anfang genügt, dass er ehrlich wiedergibt, was Du gegenwärtig denkst. Ergänze anschließend in wenigen Sätzen, auf welche konkrete Situation er sich bezieht und weshalb Dir die Klärung wichtig ist.

Versuche dann, aus Deiner Behauptung eine Frage zu gewinnen, die eine Prüfung zulässt. Aus „Ich muss meinen Beruf wechseln“ könnte zunächst werden: „Welche Gründe sprechen dafür, meinen Beruf zu wechseln, und welche sprechen dagegen?“ Halte beide Fassungen nebeneinander fest. Die Frage nimmt dem ursprünglichen Gedanken seine Bedeutung nicht; sie gibt Dir die Möglichkeit, seine Berechtigung zu untersuchen.

Du brauchst darauf heute noch keine Antwort zu finden. Für den Beginn genügt, dass Du erkennst, welchen Gedanken Du prüfen möchtest und was für Dich dabei auf dem Spiel steht. Mit diesem Gedanken gehst Du in das erste Kapitel: „Halte ein – bevor Du denkst, bemerke, dass Du schon gedacht hast.“ Dort beginnt die Arbeit an jenem kleinen Abstand, in dem Du den eigenen Gedanken betrachten und nach seinem Grund fragen kannst.