Kurs: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! · Schritt 5
Jeder Gedanke bringt Ungesagtes mit
Vielleicht sitzt Du am Abend noch eine Weile am Tisch, während die Dinge des Tages allmählich zurücktreten. Die Arbeit ist getan, doch die Unzufriedenheit bleibt, und mit ihr kehrt jener Satz wieder, der Dich schon länger begleitet: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Du hast ihn inzwischen aufgeschrieben, seine tragenden Wörter befragt und unterschieden, was Du über Deine Lage weißt und was Du bisher nur vermutest. Dennoch besitzt der Satz eine eigentümliche Geschlossenheit, als wäre der Weg von Deiner gegenwärtigen Unzufriedenheit zur notwendigen Veränderung längst entschieden.
Nun stellst Du Dir eine weitere Frage: Was nehme ich bereits an, wenn ich so urteile? Vielleicht gehst Du davon aus, dass Deine Unzufriedenheit wesentlich aus Deinem Beruf hervorgeht, dass sich innerhalb dieses Berufes nichts Entscheidendes verändern lässt oder dass ein anderer Beruf Dir jene sinnvollere Tätigkeit ermöglichen würde, nach der Du suchst. Du hast diese Annahmen bislang kaum ausgesprochen, und doch könnten sie an Deinem Urteil mitgewirkt haben.
Damit beginnt der fünfte Schritt des Kurses KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! Du wendest Dich dem zu, was Dein Gedanke voraussetzt und bisher im Ungesagten belässt. Die sokratische Leitfrage dieses Kapitels lautet: Was setze ich als wahr oder gültig voraus, wenn ich diesen Satz behaupte?
Was ist eine Voraussetzung im Denken?
Eine Voraussetzung ist etwas, von dem wir in einem Gedankengang bereits ausgehen. Wir nehmen es als gegeben an und urteilen auf dieser Grundlage weiter, häufig ohne die Annahme eigens zu nennen. So kann ein einzelner Satz eine ganze Verbindung von Gedanken mitbringen, obwohl wir zunächst nur sein ausgesprochenes Ergebnis hören.
Wenn Du sagst: „Ich muss meinen Beruf wechseln“, lässt sich dem Satz allein noch nicht entnehmen, weshalb Du diesen Wechsel für notwendig hältst. Vielleicht ist Deine bisherige Tätigkeit körperlich nicht mehr auszuüben; vielleicht widerspricht sie Überzeugungen, die Dir wesentlich geworden sind; vielleicht suchst Du eine Aufgabe, der Du Dich mit größerer Hingabe widmen kannst. Je nachdem, wovon Du ausgehst, erhält derselbe Satz einen anderen Grund und eine andere Bedeutung für Dein Handeln.
Voraussetzungen zu suchen heißt deshalb, den eigenen Gedankengang wieder zugänglich zu machen. Du gehst von dem ausgesprochenen Urteil zu dem zurück, was Du dabei bereits angenommen hast. Was vorher selbstverständlich mitlief, erhält nun einen eigenen Satz und kann seinerseits befragt werden.
Vom Wissen zur Voraussetzung: Was Schritt 5 hinzufügt
Im vierten Schritt hast Du nach dem Erkenntnisrang Deiner Gedanken gefragt: Was weiß ich, was vermute ich, was deute oder befürchte ich? Der fünfte Schritt fragt nun nach ihrer Stellung im Gedankengang: Wovon gehe ich aus, wenn ich zu meinem Urteil komme? Beide Fragen gehören zusammen, doch sie erschließen Verschiedenes.
Eine Vermutung kann zur Voraussetzung eines weitreichenden Urteils werden. Vielleicht vermutest Du, dass Dein Arbeitgeber einer Veränderung Deiner Aufgaben niemals zustimmen würde. Solange diese Vermutung als ungewiss vor Dir liegt, erkennst Du ihren begrenzten Anspruch; sobald Du aus ihr jedoch folgerst, dass Dir innerhalb Deiner gegenwärtigen Arbeit kein Weg offensteht, trägt sie bereits eine Entscheidung mit. Ihr Rang bleibt derselbe, während ihre Bedeutung für Dein Handeln erheblich gewachsen ist.
Auch gesichertes Wissen kann als Voraussetzung dienen. Weißt Du beispielsweise, dass eine bestimmte Tätigkeit eine Qualifikation verlangt, die Du noch nicht besitzt, dann gehört dieses Wissen in die Überlegung über Deinen weiteren Weg. Entscheidend ist zunächst, dass Du erkennst, welche Annahme welchen Teil Deines Urteils trägt.
Verborgene Annahmen im Beispiel: „Ich muss meinen Beruf wechseln“
Bleiben wir bei unserem begleitenden Beispiel und achten besonders auf das Wort „muss“. Darin liegt ein Anspruch auf Notwendigkeit: Unter den gegebenen Umständen scheint Dir ein Berufswechsel geboten oder unausweichlich. Welche Annahmen führen Dich zu diesem Anspruch?
Vielleicht lautet eine davon: „Meine gegenwärtige Unzufriedenheit lässt sich innerhalb meines Berufes nicht wesentlich verändern.“ Diese Annahme ist für Deinen Gedankengang bedeutsam, weil sie mögliche andere Wege von vornherein ausschließt. Ein anderer Arbeitsplatz, veränderte Aufgaben oder eine andere Verteilung Deiner Arbeitszeit erscheinen dann kaum noch als ernsthafte Möglichkeiten. Ob sie tatsächlich ausscheiden, wäre jedoch erst zu klären.
Eine weitere Annahme könnte lauten: „Die Tätigkeit, für die ich da sein möchte, verlangt einen anderen Beruf.“ Hier reicht die Frage tiefer, bis an Dein Verständnis der eigenen Lebensaufgabe. Vielleicht setzt Du dabei voraus, dass Deine wesentliche Aufgabe ihren Ort in Deiner Erwerbsarbeit haben muss. Vielleicht hast Du aber gute Gründe dafür, gerade diese Aufgabe beruflich ausüben zu wollen. Erst wenn Du die Voraussetzung aussprichst, kannst Du erkennen, welche Überzeugung Dich führt.
Diese Beispiele sind Angebote zur Prüfung. Aus Deinem Ausgangssatz folgt keineswegs, dass Du all dies tatsächlich denkst. Eine Annahme wird erst dann zu einer erkannten Voraussetzung Deines Urteils, wenn Du nachvollziehen kannst, dass Du bei Deinem Urteil wirklich von ihr ausgegangen bist.
Wie Du unausgesprochene Voraussetzungen sichtbar machst
Ein hilfreicher Zugang besteht darin, Deinen Satz behutsam zu ergänzen: „Ich komme zu diesem Urteil, weil ich davon ausgehe, dass …“ Lass die Ergänzung so schlicht ausfallen, wie es Dir möglich ist. Du brauchst zunächst weder eine vollständige Erklärung Deiner Lebensgeschichte noch eine besonders geschliffene Begründung, sondern einen Satz, an dem Dein tatsächliches Annehmen erkennbar wird.
Aus „Ich muss meinen Beruf wechseln“ könnte dann werden: „Ich komme zu diesem Urteil, weil ich davon ausgehe, dass ich in meinem bisherigen Beruf keine sinnvolle Aufgabe mehr finden kann.“ Nun lässt sich weiterfragen, worauf sich diese Annahme stützt und wie weit sie reicht. Bezieht sie sich auf Deine gegenwärtige Stelle, auf bestimmte Arbeitsbedingungen oder tatsächlich auf den gesamten Beruf? In dieser Rückfrage begegnen Dir die Übungen der vorhergehenden Kapitel erneut, nun an einem bisher unausgesprochenen Gedanken.
Hilfreich ist außerdem ein versuchsweises Wegnehmen: Angenommen, diese Voraussetzung träfe nicht zu – würde ich an meinem Ausgangsurteil unverändert festhalten? Wenn Du innerhalb Deines Berufes eine sinnvolle Aufgabe finden könntest, wäre der Berufswechsel für Dich noch immer notwendig? Verändert sich Dein Urteil, hast Du eine Annahme gefunden, von der es wesentlich abhängt. Bleibt es bestehen, können andere Gründe oder Voraussetzungen für Dich ausschlaggebend sein.
Warum eine Voraussetzung noch kein Irrtum ist
Das Wort „verborgen“ kann den Eindruck erwecken, unter unseren Gedanken müsse etwas Verdächtiges liegen. Doch vieles bleibt unausgesprochen, weil wir es im Alltag mit Recht voraussetzen dürfen. Ein Gespräch wäre kaum möglich, müssten wir jede gemeinsame Erfahrung und jede verlässliche Auskunft bei jedem Satz von Neuem darlegen.
Die Arbeit der Vernunft richtet sich deshalb besonders auf jene Voraussetzungen, von denen ein wichtiges oder strittiges Urteil abhängt. Eine solche Voraussetzung kann gut begründet sein und der weiteren Prüfung standhalten. Dann gewinnt Dein Urteil an Verständlichkeit, weil Du nun sagen kannst, worauf es beruht. Erweist sich die Annahme als unsicher oder falsch, erkennst Du dagegen genauer, an welcher Stelle Du weiterarbeiten musst.
Auch eine lange gehegte Überzeugung darf sich bewähren. Dass Du sie früh erworben oder von anderen übernommen hast, entscheidet noch nichts über ihre Wahrheit. Ihre Herkunft kann erklären, weshalb sie Dir selbstverständlich erscheint; ob sie sachlich trägt, verlangt eine eigene Prüfung.
Gefühle können Hinweise auf Voraussetzungen geben
Manchmal bemerkst Du eine unausgesprochene Annahme daran, dass eine Frage Dich ungewöhnlich stark beunruhigt. Jemand fragt: „Warum müsstest Du Dich gerade jetzt entscheiden?“, und Du spürst, wie sich Widerstand regt. Vielleicht tritt in diesem Augenblick ein Gedanke hervor, der bisher kaum Worte hatte: „Wenn ich jetzt nicht handle, habe ich meine letzte Gelegenheit vertan.“
Die Beunruhigung kann Deine Aufmerksamkeit auf diesen Gedanken lenken. Ob er wahr ist, bleibt damit offen: Möglicherweise besteht tatsächlich eine Frist, möglicherweise erwartest Du einen Verlust, für den Du bislang keinen hinreichenden Anhaltspunkt hast. Die vernünftige Prüfung nimmt Dein Erleben ernst und fragt nach dem Satz, der darin erkennbar wird, sowie nach dem, was für diesen Satz spricht.
Verzichte dabei auf vorschnelle Erklärungen über Dich selbst. Aus einem Zögern folgt noch keine Angst vor Freiheit, aus einem Wunsch nach Sicherheit noch keine Unfähigkeit zur Veränderung. Auch solche Deutungen enthalten Annahmen, die der Prüfung bedürfen. Die Suche nach Voraussetzungen verlangt dieselbe Sorgfalt wie jedes andere Urteil.
Ein Denkversuch für Deine eigene Kursfrage
Nimm nun den Satz zur Hand, den Du durch diesen Kurs begleitest. Lies ihn langsam und ergänze schriftlich: „Wenn ich dies behaupte, gehe ich davon aus, dass …“ Versuche, zwei oder drei Annahmen zu benennen, die für Deinen Gedankengang bedeutsam sein könnten. Schreibe jede in einen eigenen vollständigen Satz, damit Du sie einzeln betrachten kannst.
Wähle anschließend die Annahme aus, von der Dein Urteil am stärksten abzuhängen scheint. Frage Dich, ob Du tatsächlich von ihr ausgegangen bist oder ob sie Dir erst während dieser Übung als mögliche Erklärung eingefallen ist. Beides kann bedenkenswert sein, doch nur im ersten Fall hast Du eine bislang verborgene Voraussetzung Deines bisherigen Urteils erkannt.
Erprobe dann, was mit Deinem Urteil geschieht, wenn diese Annahme nicht zutrifft. Beim Berufsbeispiel könnte die Frage lauten: „Wenn es in meinem bisherigen Beruf doch eine Aufgabe gäbe, die ich sinnvoll ausüben könnte – müsste ich ihn dann noch wechseln?“ Halte fest, welche Antwort Du geben kannst und was ungeklärt bleibt. Für diese Übung genügt es, eine entscheidende Abhängigkeit Deines Denkens sichtbar zu machen.
Vielleicht kannst Du Deinen bisherigen Satz danach genauer fassen: „Ich halte einen Berufswechsel für notwendig, solange ich davon ausgehe, dass meine gesuchte Aufgabe innerhalb meines bisherigen Berufes keinen Platz finden kann.“ Diese Formulierung ist länger, doch sie zeigt, worauf Dein Urteil beruht. Du erkennst nun zugleich, welche Annahme geklärt werden muss, bevor Du den Anspruch der Notwendigkeit aufrechterhalten kannst.
Was Dein Denken durch diesen Schritt gewinnt
Eine ausgesprochene Voraussetzung verändert das Verhältnis zu Deinem eigenen Urteil. Du kannst nun unterscheiden, was Du behauptest und wovon diese Behauptung abhängt. Damit wird eine Korrektur genauer möglich: Vielleicht musst Du eine einzelne Annahme berichtigen, vielleicht Dein Urteil einschränken, vielleicht erweist sich der bisherige Gedankengang als tragfähig.
Du brauchst dafür weder sämtliche Voraussetzungen Deines Denkens aufzudecken noch jeden Gedanken bis ins Grenzenlose zurückzuverfolgen. Beginne dort, wo eine unausgesprochene Annahme Dein Urteil wesentlich bestimmt. Die Frage gewinnt ihre Tiefe durch die Genauigkeit, mit der Du einer solchen Abhängigkeit nachgehst.
Im nächsten Schritt, „Suche Gründe – und Gegengründe“, wird diese Arbeit weitergeführt. Was Du nun als Voraussetzung erkannt hast, tritt ausdrücklich in die Prüfung ein: Was spricht dafür, es gelten zu lassen, und was könnte dagegen sprechen? So wird aus dem bisher unbemerkten Voraussetzen ein Denken, das seine eigenen Grundlagen zur Sprache bringen und für sie Rechenschaft geben kann.
