Bemerke, dass Du im Vorfeld schon gedacht hast!
Kurs: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN LERNEN! · Schritt 1 von 10
Du kommst nach Hause, legst Deine Tasche ab und bleibst einen Augenblick stehen. Der Arbeitstag liegt hinter Dir, doch in Deinen Gedanken geht er weiter: das Gespräch am Vormittag, die Aufgabe, deren Sinn Dir unklar blieb, die Besprechung, in der Du wieder geschwiegen hast. Während Du Dir etwas zu trinken einschenkst, steht für Dich bereits fest: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Vielleicht hast Du diesen Satz ausgesprochen, vielleicht ist er nur flüchtig durch Deine Gedanken gegangen. Dennoch beginnt er, Deinen Abend zu bestimmen. Du stellst Dir einen anderen Arbeitsplatz vor, suchst nach Möglichkeiten und fragst Dich, wie Du den Wechsel schaffen könntest.
Damit bist Du schon weit unterwegs. Eine frühere Frage ist dabei beinahe unbemerkt zurückgeblieben: Wie bist Du eigentlich zu der Überzeugung gelangt, dass Du Deinen Beruf wechseln musst? Während Du nach einem Ausweg suchst, gilt die Notwendigkeit des Auswegs bereits als entschieden. Dein Nachdenken beginnt bei der Durchführung einer Entscheidung, deren Grundlage Du noch gar nicht betrachtet hast.
Hier setzt der erste Schritt unseres Lesekurses an. Wer klar und vernünftig denken lernen will, braucht Aufmerksamkeit für das, was dem ausdrücklichen Nachdenken schon vorausgegangen ist. Deshalb lade ich Dich ein, für einen Augenblick einzuhalten und Dich zu fragen: Was habe ich bereits gedacht, bevor ich nun weiterdenke?
Wenn ein Gedanke schon als Wirklichkeit erscheint
Viele Gedanken begegnen uns ohne ausdrückliche Ankündigung. Wir hören einen Satz, sehen ein Gesicht, lesen eine Nachricht, und beinahe gleichzeitig steht für uns fest, was das Wahrgenommene bedeutet. „Er will nichts mehr mit mir zu tun haben“, denken wir angesichts einer ausbleibenden Antwort. „Das werde ich niemals schaffen“, heißt es in uns beim Blick auf eine neue Aufgabe. Oder wir sagen: „So ist die Welt eben“, und schließen damit eine Frage, die kaum Gelegenheit hatte, sich zu öffnen.
Das Auffällige an solchen Gedanken ist ihre Unauffälligkeit. Wir bemerken den Menschen, die Aufgabe, die Welt; unser eigenes Urteil darüber bemerken wir häufig erst später. Es ist uns so nahe, dass wir es übersehen. Was wir über die Sache denken, bestimmt dann bereits, wie uns die Sache begegnet: Die Aufgabe erscheint als unbezwingbar, der andere Mensch als abweisend, die eigene Zukunft als festgelegt.
Dabei kann unser Urteil durchaus zutreffen. Ein Mensch kann uns tatsächlich ablehnen, eine Aufgabe kann unsere gegenwärtigen Kräfte übersteigen, und ein Berufswechsel kann gut begründet sein. Die Frage nach der Wahrheit bleibt ernst. Um ihr nachgehen zu können, müssen wir jedoch zunächst erkennen, welches Urteil wir überhaupt gefällt haben. Auch ein zutreffender Gedanke verdient es, bewusst erfasst und auf seine Gründe hin befragt zu werden.
Das Einhalten eröffnet diese Möglichkeit. Du bemerkst, dass Du eine Sache bereits in bestimmter Weise aufgefasst hast, und kannst nun auch diese Auffassung betrachten.
Die sokratische Leitfrage: Was gilt mir hier schon als entschieden?
Die Leitfrage dieses Kapitels lautet: Was halte ich in dieser Situation bereits für wahr, ohne es bisher ausdrücklich geprüft zu haben? Lass Dir mit dieser Frage Zeit. Sie verlangt von Dir zunächst nur, auf das zu achten, wovon Dein weiteres Denken schon ausgeht.
Vielleicht überlegst Du, wie Du jemanden von Deiner Meinung überzeugen kannst. Dann gilt Dir womöglich bereits als entschieden, dass Deine Meinung richtig ist und der andere sie deshalb übernehmen sollte. Vielleicht suchst Du nach einer Möglichkeit, eine Aufgabe abzugeben. Dann steht möglicherweise schon fest, dass diese Aufgabe Dir nicht zuzumuten sei. Vielleicht fragst Du Dich, wie Du endlich erfolgreicher werden kannst, während die Frage, was Erfolg für Dich heißen und weshalb Du ihn erstreben sollst, noch unberührt geblieben ist.
Mitunter zeigt gerade die Frage, die uns beschäftigt, was wir bereits voraussetzen. „Wie schaffe ich den Berufswechsel?“ lässt den Wechsel schon als Vorhaben gelten; „Sollte ich meinen Beruf wechseln?“ öffnet die Entscheidung erneut. Schon diese kleine Verschiebung kann bedeutsam werden: Du erkennst, an welcher Stelle Deines Denkens eine Möglichkeit zur vermeintlichen Notwendigkeit geworden ist.
Solche Voraussetzungen sind im Alltag oft hilfreich. Wir könnten kaum handeln, wenn wir jederzeit alles von Grund auf neu prüfen müssten. Sobald Dich eine Frage jedoch ernsthaft beschäftigt, sobald sie Dein Leben betrifft oder Dich immer wieder im Kreis führt, lohnt es sich, den Ausgangspunkt Deines Nachdenkens aufzusuchen. Vielleicht liegt die Schwierigkeit bereits in dem, was Du für entschieden hältst.
Innehalten heißt, dem eigenen Urteil Aufmerksamkeit zu geben
Was heißt nun: einhalten? Du lässt für einen Augenblick davon ab, den nächsten Schluss zu ziehen, die nächste Rechtfertigung zu suchen oder schon die passende Antwort vorzubereiten. Deine Aufmerksamkeit wendet sich dem Gedanken zu, von dem diese Bewegung ausgeht.
Du musst dafür weder gedankenleer noch vollkommen ruhig werden. Auch während Du aufgewühlt bist, kannst Du bemerken: „Ich gehe gerade davon aus, dass man mich übergangen hat.“ Das Gefühl darf gegenwärtig bleiben, während Du auf Deine Deutung der Situation aufmerksam wirst. Ob diese Deutung zutrifft, wird später zu prüfen sein; zunächst hast Du erkannt, was Du der Situation bereits zuschreibst.
Gerade darin liegt die Bedeutung dieser kleinen Unterbrechung. Ein Urteil, dessen Du Dir bewusst wirst, kannst Du befragen. Du kannst es festhalten, später begründen, berichtigen oder verwerfen. Solange es unbemerkt Dein weiteres Denken bestimmt, fehlt Dir diese Möglichkeit an der entscheidenden Stelle.
Das Einhalten schafft also einen Anfang von Abstand zum eigenen Urteil. In diesem Abstand entsteht die Möglichkeit, ihm nachzugehen und für seine Geltung Gründe zu verlangen.
Unsere begleitende Lebensfrage: „Ich muss meinen Beruf wechseln“
Kehren wir zu dem Menschen zurück, der nach einem bedrückenden Arbeitstag nach Hause kommt. Sein Gedanke lautet: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Bisher hat dieser Gedanke ihn unmittelbar zur Suche nach einem anderen Beruf geführt. Nun hält er ein und bemerkt: „Ich habe den Berufswechsel bereits als notwendig angesehen.“
Damit ist die Berufsfrage keineswegs erledigt. Seine Unzufriedenheit bleibt ernst zu nehmen, und womöglich wird sich der Wechsel als vernünftige Entscheidung erweisen. Doch er hat einen Ausgangspunkt gewonnen, den er vorher übersprungen hatte: Er kann nun untersuchen, wie aus seinem Erleben bei der Arbeit die Überzeugung entstanden ist, einen anderen Beruf ergreifen zu müssen.
Für dieses erste Kapitel genügt es, diesen Übergang zu bemerken. Wir brauchen noch keine Liste geeigneter Berufe, keine abschließende Erklärung seiner Unzufriedenheit und keine Antwort auf die Frage nach seiner Lebensaufgabe. Gerade weil hinter dem Satz so viel auf dem Spiel stehen kann, verdient sein Ausgangspunkt Aufmerksamkeit.
Vielleicht wird die weitere Prüfung ihn zur Frage führen, wofür er seine Fähigkeiten einsetzen möchte, welche Arbeit er für sinnvoll hält und wofür er da sein will. Diese Fragen dürfen sich im Verlauf des Kurses entfalten. Heute beginnt der Weg damit, dass er den Gedanken wahrnimmt, der ihn bereits führt.
Wenn Du eine eigene Lebensfrage durch diesen Kurs mitnimmst, suche nun eine entsprechende Stelle in Deinem Denken. Wo bist Du mit Deinen Überlegungen schon unterwegs, während Dein Ausgangsurteil ungeprüft geblieben ist? Vielleicht planst Du bereits einen Rückzug, einen Neubeginn oder eine Aussprache. Achte darauf, was Dir diesen Schritt notwendig erscheinen lässt.
Ein häufiger Irrweg: den ersten Gedanken sofort berichtigen
Sobald wir einen belastenden Gedanken bemerken, möchten wir ihn häufig verändern. Auf „Das kann ich nicht“ antworten wir dann mit „Natürlich kann ich das“, auf „Ich muss meinen Beruf wechseln“ mit „So schlimm ist es doch gar nicht“. Wir setzen dem ersten Urteil ein zweites entgegen und hoffen, dadurch wieder festen Boden zu gewinnen.
Doch auch der zweite Gedanke verlangt nach Gründen. Seine freundlichere Wirkung entscheidet ebenso wenig über seine Wahrheit wie die bedrückende Wirkung des ersten. Wer sich vorschnell beruhigt, kann einen berechtigten Hinweis übergehen; wer seinem ersten Erschrecken unmittelbar folgt, kann sich zu einem unbegründeten Schluss drängen lassen.
Lass deshalb zunächst gelten, dass dieser Gedanke aufgetaucht ist. Seine Anwesenheit ist noch keine Entscheidung über seine Wahrheit. Du kannst anerkennen, dass Du etwas denkst, und Dir zugleich die Frage offenhalten, ob Du recht hast.
Auch über Dich selbst brauchst Du dabei kein eilfertiges Urteil zu fällen. Aus dem Bemerken eines vorschnellen Gedankens folgt keineswegs, dass Du ein schlechter Denker seist. Du hast einen Vorgang erkannt, den Du nun sorgfältiger untersuchen kannst. Genau darin besteht die Arbeit dieses Schrittes.
Dein Denkversuch: den Ausgangspunkt bemerken
Nimm Dir für diesen Denkversuch einige ungestörte Minuten. Wähle eine überschaubare Situation, die Dich beschäftigt: ein Gespräch, eine Nachricht, eine bevorstehende Aufgabe oder Deine persönliche Kursfrage. Erinnere Dich daran, wie Du die Situation erlebt und welche Richtung Deine Gedanken dabei genommen haben.
Frage Dich nun: „Was stand für mich bereits fest, als ich darüber nachzudenken begann?“ Achte auf das, was tatsächlich da war. Vielleicht findest Du einen deutlichen Gedanken wie „Sie traut mir nichts zu“. Vielleicht begegnet Dir zunächst nur die Erwartung, dass etwas misslingen werde, oder die Vorstellung, wieder übergangen zu werden. Du brauchst daraus noch keinen vollkommen ausgearbeiteten Satz zu machen. Eine vorläufige Notiz genügt, um festzuhalten, was Du bemerkt hast.
Falls Dir kein bestimmter Gedanke zugänglich wird, bleibe auch darin genau. Du kannst notieren: „Ich bemerke Unruhe, weiß aber noch nicht, was ich mir über die Situation sage.“ Die Übung verlangt Aufmerksamkeit für Dein tatsächliches Denken; eine passende Erklärung wird sich nicht dadurch als wahr erweisen, dass Du sie eigens für die Übung hervorbringst.
Vermerke anschließend, wozu Dich Dein bisheriger Gedanke bereits gedrängt hat: wolltest Du absagen, Dich rechtfertigen, angreifen, aufgeben oder möglichst rasch entscheiden? So wird sichtbar, wie Dein Urteil in Dein Handeln hineinreicht. Für heute genügt diese Beobachtung. Die genauere sprachliche Fassung und die Prüfung folgen in den weiteren Schritten.
Wenn Du magst, wiederhole diesen Versuch bis zum nächsten Kapitel in zwei oder drei gewöhnlichen Alltagssituationen. Ein kurzer bewusster Halt genügt häufig, um etwas zu bemerken, das im Weiterdenken übergangen worden wäre.
Was Du aus diesem ersten Schritt mitnimmst
Der Ertrag dieser Übung zeigt sich darin, dass Du einen bisher selbstverständlichen Ausgangspunkt Deines Denkens wahrnehmen kannst. Vielleicht beschäftigt Dich Deine Frage weiterhin, doch Du erkennst nun genauer, mit welchem Urteil Du an sie herangehst. Du weißt etwas mehr darüber, was in Deinem eigenen Nachdenken geschieht.
Am Anfang stand womöglich: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Nun kannst Du hinzufügen: „Das ist der Gedanke, von dem ich bisher ausgegangen bin, und ich möchte verstehen, ob er begründet ist.“ Mit diesem Zusatz wird Deine Lebensfrage der Untersuchung zugänglich. Du nimmst sie ernst genug, um auch Deinen bisherigen Umgang mit ihr zu befragen.
Im zweiten Kapitel werden wir das Bemerkte deutlicher zur Sprache bringen: „Bring Deinen Gedanken in einen Satz – denn im Satz zeigt sich, was Du tatsächlich denkst.“ Wir werden genauer fassen, was Du meinst, damit Du es im weiteren Kurs prüfen kannst. Der erste Schritt hat dafür den Ausgangspunkt sichtbar gemacht: Du hast innegehalten und bemerkt, dass Du schon gedacht hast.
