Begriffe klären! Befrage die Wörter! NEUE VERNUNFT

3) Begriffe klären! Befrage die Wörter!


KURS: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! ·Schritt 3

Befrage die Wörter – denn manches Denken irrt schon im Wort

Wenn ein vertrautes Wort eine ungeklärte Frage trägt

Vielleicht sitzt Du am Abend vor dem Satz, den Du im zweiten Schritt aufgeschrieben hast: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Da steht er nun, überschaubar und deutlich, und doch beginnt beim erneuten Lesen etwas fraglich zu werden. Du weißt, welche Wörter Du geschrieben hast; ob Du ebenso genau weißt, was Du mit ihnen sagst, ist eine andere Frage. Meinst Du mit Deinem Beruf die Tätigkeit, die Du ausübst, die Stelle, die Du gegenwärtig inne hast, oder die Aufgabe, der Du einen wesentlichen Teil Deines Lebens widmen möchtest? Je nachdem, was Du meinst, verlangt derselbe Satz eine andere Prüfung.

Vielleicht möchtest Du weiterhin unterrichten, aber an einer anderen Schule. Vielleicht möchtest Du Deine Arbeitszeit verringern, damit neben der Erwerbsarbeit etwas anderes Raum gewinnt. Vielleicht aber fragst Du tatsächlich, ob die bisherige Tätigkeit noch diejenige ist, für die Du da sein willst. Was zunächst wie eine einzige Entscheidung aussah, öffnet sich in verschiedene Fragen, sobald Du auf das Wort achtest, das sie bisher zusammengehalten hat.

Im ersten Schritt hast Du innegehalten und bemerkt, welcher Gedanke Dich bereits führt. Im zweiten hast Du diesem Gedanken die Gestalt eines Satzes gegeben. Nun geht es darum, die tragenden Wörter dieses Satzes so weit zu klären, dass Du verstehst, was Du selbst behauptest. Denn auch ein vollständig ausgesprochener Gedanke kann in seinen Wörtern noch ungeklärt bleiben.

Die sokratische Leitfrage: Was genau meinst Du damit?

Die Leitfrage dieses dritten Schrittes lautet: Was genau meine ich mit diesem Wort in diesem Satz? Sie klingt bescheiden, und gerade deshalb übergehen wir sie leicht. Wir haben das Wort schon unzählige Male gebraucht, andere Menschen gebrauchen es ebenfalls, und gewöhnlich scheint die Verständigung zu gelingen. Weshalb sollten wir bei einem so vertrauten Ausdruck noch verweilen?

Doch ein Wort gebrauchen zu können und über seinen Gebrauch Rechenschaft geben zu können, sind verschiedene Fähigkeiten. Du kannst von Erfolg sprechen, ohne geklärt zu haben, worin für Dich ein gelingendes Leben bestünde. Du kannst Sicherheit verlangen, ohne zu unterscheiden, ob Du ein verlässliches Einkommen, Schutz vor einer bestimmten Gefahr oder die Gewissheit einer richtigen Entscheidung suchst. Das Vertraute nimmt uns die Frage häufig ab, bevor wir sie überhaupt gestellt haben.

Die sokratische Rückfrage bringt diese Frage zurück. Sie bittet Dich, bei dem stehen zu bleiben, was Du gesagt hast, und es näher zu bestimmen. Dadurch erhält Dein Denken einen Gegenstand, den es prüfen kann: eine Bedeutung, für die Du einstehen und die Du gegebenenfalls berichtigen kannst.

Begriffe klären: Welche Wörter tragen Deinen Gedanken?

Du brauchst dafür nicht jedes Wort Deines Satzes einzeln zu untersuchen. Richte Deine Aufmerksamkeit zunächst auf jene Ausdrücke, von deren Bedeutung Dein Urteil abhängt. In dem Satz „Ich muss meinen Beruf wechseln“ gehört „Beruf“ dazu; ebenso wichtig ist jedoch das unscheinbare „muss“. Auch das Verb „wechseln“ verdient eine Frage, denn es lässt zunächst offen, was aufgegeben und was an dessen Stelle treten soll.

Ein tragendes Wort erkennst Du daran, dass sich mit seiner Bedeutung auch die Frage verändert, die Du zu beantworten hast. Wenn „Beruf“ Deine gegenwärtige Anstellung meint, geht es um etwas anderes, als wenn Du damit ein ganzes Tätigkeitsfeld bezeichnest. Und wenn „wechseln“ einen Arbeitgeberwechsel bedeutet, steht eine andere Veränderung bevor, als wenn Du eine neue Ausbildung beginnen möchtest. Die Wörter bestimmen mit, welche Möglichkeiten überhaupt in Deinen Blick treten.

Besonders aufmerksam solltest Du bei Ausdrücken werden, die vieles zusammenfassen: Freiheit, Liebe, Glück, Erfolg, Verantwortung, Gerechtigkeit oder Sinn. Ebenso folgenreich können kleine Wörter sein: immer, nie, alle, niemand, nur und müssen. Sie geben einem Gedanken Reichweite und Nachdruck; gerade deshalb sollten wir wissen, welchen Anspruch wir mit ihnen erheben.

Wort und Begriff: Vom Benennen zum Bestimmen

Ein Wort kann verschiedene Bedeutungen annehmen. Mit „Sicherheit“ können wir etwa eine geringe Gefährdung meinen, aber auch die Gewissheit, uns nicht zu irren. Wenn Du vor einer Entscheidung sagst: „Ich brauche mehr Sicherheit“, bleibt zunächst offen, welche dieser Bedeutungen Du ansprichst. Brauchst Du zusätzliche Informationen, finanzielle Rücklagen oder einen verlässlichen Plan für den Fall, dass Dein Vorhaben misslingt?

Für unsere Übung lässt sich der Unterschied so fassen: Das Wort ist der sprachliche Ausdruck; mit der Begriffsklärung bestimmen wir näher, was wir durch diesen Ausdruck meinen und von anderem unterscheiden. Dazu gehört, sagen zu können, was darunter fällt und was außerhalb seiner Bedeutung liegt. Du musst dafür keine gelehrte Definition verfassen. Es genügt zunächst eine verständliche Erläuterung, die den gemeinten Sachverhalt genauer erkennen lässt.

Diese Erläuterung muss an der Sache geprüft werden. Würdest Du unter „Respekt“ verstehen, dass andere Menschen Dir niemals widersprechen, wäre zwar ausdrücklich gesagt, was Du meinst; dennoch bliebe zu fragen, ob diese Bestimmung dem Respekt angemessen ist. Offen ausgesprochene Bedeutungen werden prüfbar, und auch eine erste Begriffsklärung darf sich dabei als unzureichend erweisen.

Am Beispiel „Beruf wechseln“: Was bedeutet Dein „Muss“?

Kehren wir zu unserem Satz zurück: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Vielleicht hast Du inzwischen bemerkt, dass Du mit „Beruf“ vor allem Deine gegenwärtige Stelle meinst. Dann könnte eine erste Klärung lauten: „Mit meinem Beruf meine ich hier die Tätigkeit unter den Bedingungen meines jetzigen Arbeitsplatzes.“ Schon diese Bestimmung erlaubt Dir, Tätigkeit und Arbeitsbedingungen gesondert zu betrachten, ohne über die nötige Veränderung bereits entschieden zu haben.

Nun frage nach dem „Muss“. Bezeichnest Du damit eine äußere Notwendigkeit, etwa weil Deine Stelle entfällt? Meinst Du eine bedingte Notwendigkeit: Wenn Du ein bestimmtes Ziel erreichen willst, hältst Du den Wechsel für erforderlich? Oder sprichst Du einen starken Wunsch aus, dessen Dringlichkeit Du mit dem Wort „muss“ zum Ausdruck bringst? Diese Unterschiede verdienen Aufmerksamkeit, weil sie Deinem Urteil jeweils einen anderen Sinn geben.

Vielleicht ergibt sich daraus vorläufig der Satz: „Ich halte einen Wechsel meines Arbeitsplatzes für notwendig, weil ich mehr Zeit für eine Aufgabe gewinnen möchte, die mir wichtig ist.“ Damit sind neue Fragen sichtbar geworden: Welche Aufgabe ist gemeint, wie viel Zeit braucht sie, und weshalb erscheint der Wechsel erforderlich? Ihre Beantwortung steht noch aus. Für diesen Schritt genügt, dass Du genauer weißt, worüber Du nachdenken willst.

Sollte Dein ursprüngliches „Muss“ nach der Klärung bestehen bleiben, darf es bestehen bleiben. Die Frage nach dem Wort verpflichtet Dich zur Genauigkeit; welche Beurteilung daraus folgt, wird die weitere Prüfung zeigen.

Beispiele und Gegenbeispiele machen Bedeutungen sichtbar

Eine der einfachsten Übungen zur Begriffsklärung besteht darin, ein Beispiel und ein Gegenbeispiel zu suchen. Angenommen, Dein Satz lautet: „Ich will endlich frei sein.“ Vielleicht meinst Du zunächst, frei zu sein heiße, ohne Verpflichtungen zu leben. Nun denke an jemanden, der sich freiwillig einer anspruchsvollen Aufgabe widmet, etwa ein Instrument erlernt und dafür täglich übt. Er bindet sich an eine Tätigkeit, die er aus guten Gründen gewählt hat. Ist er schon durch diese Bindung unfrei geworden?

Das Beispiel legt nahe, zwischen selbst gewählten Verpflichtungen und aufgezwungenen Bindungen zu unterscheiden. Doch auch damit ist die Frage noch offen: Kann eine selbst gewählte Bindung später zur Abhängigkeit werden? Und wäre ein Mensch, der jeder augenblicklichen Begierde folgt, allein deshalb frei, weil ihm niemand etwas vorschreibt? Die Gegenbeispiele nötigen Dich, genauer zu sagen, was die zunächst vorgeschlagene Bestimmung erfasst und was sie übersieht.

Du musst die Freiheit dabei noch nicht abschließend bestimmen. Für Deinen konkreten Satz kann vorläufig genügen: „Mit Freiheit meine ich hier die Möglichkeit, meine berufliche Aufgabe nach geprüften eigenen Gründen zu wählen.“ Damit hast Du eine Bedeutung festgehalten, an der sich weiterarbeiten lässt. Ob diese Möglichkeit gegeben ist und wie sie verantwortungsvoll gebraucht werden könnte, sind anschließende Fragen.

Wenn dasselbe Wort unbemerkt seine Bedeutung wechselt

Manchmal entsteht ein Irrtum dadurch, dass wir innerhalb eines Gedankengangs dasselbe Wort in verschiedenen Bedeutungen verwenden. Wir sagen beispielsweise: „Ich möchte erfolgreich sein. Erfolgreiche Menschen verdienen viel Geld. Also werde ich zufrieden sein, sobald ich viel Geld verdiene.“ Dabei wurde Erfolg zunächst vielleicht als gelingendes Leben verstanden und anschließend auf ein hohes Einkommen verengt; schließlich tritt auch noch Zufriedenheit hinzu, als sei sie mit beidem schon gewährleistet.

Achte deshalb beim Weiterlesen Deines eigenen Satzes darauf, ob ein tragendes Wort seine Bedeutung behält. Wenn Du „Erfolg“ einmal als gesellschaftliche Anerkennung und ein anderes Mal als gelungene Arbeit verwendest, können beide Bedeutungen verständlich sein. Für Deine Überlegung müssen sie jedoch unterschieden werden, damit Du nicht einer Bedeutung zustimmst und unbemerkt aus einer anderen Deine Folgerungen ziehst.

Die Klärung der Wörter bewahrt so die Verständlichkeit des ganzen Gedankengangs. Du kannst erkennen, an welcher Stelle eine neue Frage hinzukommt, eine Einschränkung nötig wird oder eine zunächst selbstverständlich erscheinende Verbindung erst noch begründet werden muss.

Wie viel Begriffsklärung ist für klares Denken nötig?

Vielleicht befürchtest Du inzwischen, bei jedem Wort in weitere Fragen zu geraten und niemals zu einer Entscheidung zu gelangen. Diese Schwierigkeit ist ernst zu nehmen. Begriffsklärung braucht ein Maß, und dieses Maß ergibt sich zunächst aus der Frage, mit der Du Dich beschäftigst: So viel muss geklärt sein, dass die für Dein Urteil wichtigen Unterschiede sichtbar werden und Du Deinen Satz ohne wesentliche Mehrdeutigkeit verstehen kannst.

Für eine Entscheidung über Deinen Arbeitsplatz brauchst Du daher keine vollständige Philosophie der Arbeit. Du solltest jedoch unterscheiden können, ob Dich die Tätigkeit selbst, bestimmte Arbeitsbedingungen oder die fehlende Zeit für andere Aufgaben beschäftigt. Ebenso verlangt die Frage nach Freiheit nicht in jedem Fall eine erschöpfende Definition; sie verlangt aber, dass Du die Bedeutung benennen kannst, die Dein gegenwärtiges Anliegen trägt.

Eine vorläufige Bestimmung darf ausdrücklich vorläufig bleiben. Schreibe ruhig: „Für diese Frage verstehe ich darunter zunächst …“ Damit legst Du offen, woran Du weiterarbeitest, und hältst zugleich die Möglichkeit frei, Deine Bestimmung an einem besseren Beispiel oder einem berechtigten Einwand zu verändern.

Dein Denkversuch: Kläre ein tragendes Wort Deines Satzes

Nimm nun den Satz zur Hand, den Du im zweiten Kapitel aufgeschrieben hast. Lies ihn langsam und wähle ein Wort aus, von dem sein Verständnis besonders abhängt. Wenn Du noch keinen eigenen Satz mitführst, kannst Du mit unserem Beispiel „Ich muss meinen Beruf wechseln“ beginnen. Schreibe unter Deinen Satz die Frage: „Was genau meine ich hier mit …?“, und setze das gewählte Wort ein.

Antworte in wenigen vollständigen Sätzen. Versuche dabei, den Ausdruck so zu erläutern, dass ein aufmerksamer Mensch verstehen könnte, welchen Sachverhalt Du ansprichst. Suche anschließend eine konkrete Situation, die Deiner Erläuterung entspricht, und eine ähnliche Situation, die dennoch nicht darunter fällt. Falls Du zum Beispiel „Anerkennung“ untersuchst, könntest Du fragen, ob Du damit Lob, die angemessene Würdigung Deiner Arbeit oder eine bestimmte berufliche Stellung meinst. Prüfe auch, ob Du mit einer bloß höflichen Zustimmung bereits das erhalten hättest, was Du suchst.

Lies danach Deinen Ausgangssatz erneut und schreibe ihn gegebenenfalls genauer auf. Bewahre beide Fassungen auf, damit Du die Veränderung erkennen kannst. Sollte Dir eine Bedeutung weiterhin unklar bleiben, halte auch diese offene Frage fest; vielleicht hast Du gerade die Stelle gefunden, an der Dein Denken nun besonders sorgfältig weitergehen muss.

Ausblick auf Schritt 4: Was weißt Du – und was meinst Du?

Mit diesem dritten Schritt hast Du begonnen, die Wörter Deines Gedankens auf ihre Bedeutung hin zu befragen. Ein vertrauter Ausdruck kann dadurch bestimmter werden, eine verdeckte Mehrdeutigkeit hervortreten und aus einer scheinbar eindeutigen Forderung eine genauer gefasste Frage entstehen. Du gewinnst die Möglichkeit, Deinen Satz mit größerer Klarheit zu verstehen und ihn anderen gegenüber verständlich zu vertreten.

Auch ein begrifflich geklärter Satz kann allerdings eine Vermutung, eine Deutung oder einen Irrtum enthalten. Deshalb führt uns der nächste Schritt zu einer weiteren Unterscheidung: Was weißt Du tatsächlich, und was meinst, vermutest oder deutest Du? Die Bedeutung Deines Satzes ist nun deutlicher geworden; als Nächstes fragen wir danach, welchen Erkenntnisanspruch Du mit ihm erheben darfst.