Unterscheide Wissen vom bloßen Meinen - NEUE VERNUNFT

4) Unterscheide Wissen vom bloßen Meinen


Kurs: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! – Schritt 4

Unterscheide, was Du weißt, von dem, was Du meinst

Wenn eine ausbleibende Antwort schon eine Bedeutung erhält

Nicht alles, was gewiss erscheint, ist Wissen.

Du hast einem Menschen geschrieben, dessen Antwort Dir wichtig ist. Am Abend schaust Du noch einmal nach, am nächsten Morgen wieder, und während die Antwort ausbleibt, beginnt sich in Dir ein Gedanke zu festigen: „Er nimmt mich nicht ernst.“ Vielleicht erinnerst Du Dich an frühere Begegnungen, an einen knappen Gruß oder ein Gespräch, das anders verlief, als Du gehofft hattest. Allmählich erscheint Dir die Ablehnung so deutlich, als wäre sie ausgesprochen worden.

Was aber ist tatsächlich geschehen? Du hast eine Nachricht verschickt und bisher keine Antwort erhalten. Vielleicht weißt Du außerdem, dass die Nachricht gelesen wurde. Welche Bedeutung das Schweigen hat, bleibt damit noch offen. Der andere könnte beschäftigt sein, eine Antwort aufschieben oder selbst unsicher sein, was er sagen möchte. Auch Deine Deutung könnte zutreffen. Doch zwischen dem ausgebliebenen Antworten und der behaupteten Geringschätzung liegt ein Schritt, den Dein eigenes Denken vollzogen hat.

Diesen Schritt zu bemerken, ist die Aufgabe des vierten Kapitels. Du hast Deinen Gedanken inzwischen ausgesprochen und seine tragenden Wörter befragt. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, worauf Du Dich mit Deinem Satz stützt und welchen Anspruch Du für ihn erheben darfst.

Die sokratische Leitfrage: Woher weißt Du das?

Die Leitfrage lautet: Was weiß ich hier tatsächlich, und was füge ich als Deutung, Vermutung, Befürchtung oder Wunsch hinzu? Sie verlangt, beim eigenen Satz zu verweilen und Auskunft darüber zu geben, wie wir zu ihm gelangt sind. Wenn Du behauptest, jemand lehne Dich ab, darfst Du Dich fragen, woran Du diese Ablehnung erkennst und ob das Erkannte schon ausreicht, um Dein Urteil zu tragen.

Diese Rückfrage kann zunächst lästig erscheinen. Du fühlst Dich Deiner Sache sicher, hast Erfahrungen gesammelt und möchtest vielleicht endlich handeln. Doch gerade wo ein Gedanke selbstverständlich geworden ist, lohnt sich die Frage nach seinem Grund. Die Selbstverständlichkeit eines Urteils kann aus genauer Kenntnis erwachsen; sie kann ebenso aus Gewöhnung, wiederholter Befürchtung oder einem lange ungeprüften Bild der Situation stammen.

Mit dem Fragen tritt die Herkunft Deiner Überzeugung hervor. Du beginnst zu erkennen, was Dir gegeben ist, was Du daraus erschlossen hast und was Du bisher lediglich für möglich hältst. So gewinnt der Gedanke eine genauere Stellung innerhalb dessen, was Du über die Sache sagen kannst.

Wissen und Meinung unterscheiden: Welchen Anspruch erhebt Dein Satz?

Wenn Du sagst: „Ich weiß es“, erhebst Du einen stärkeren Anspruch, als wenn Du sagst: „Ich vermute es.“ Du beanspruchst, dass die Sache sich tatsächlich so verhält und dass Du darüber hinreichend verlässlich Auskunft geben kannst. Dazu gehört die Bereitschaft, auf die Frage „Woher weißt Du das?“ einen nachvollziehbaren Grund zu nennen.

Wissen begegnet uns auf verschiedenen Wegen. Du kannst etwas selbst wahrgenommen haben, einen Sachverhalt aus verlässlichen Unterlagen kennen oder eine Einsicht durch nachvollziehbares Denken gewinnen. Auch die Auskunft eines sachkundigen Menschen kann Dich zu Wissen führen. Du musst nicht alles selbst erlebt und überprüft haben; allerdings bleibt bedeutsam, wie verlässlich die Quelle ist und ob ihre Auskunft Deine konkrete Behauptung tatsächlich trägt.

Eine Meinung ist zunächst etwas, das Du für wahr hältst. Sie kann zutreffen und wohlüberlegt sein, sie kann aber auch auf schwachen Gründen beruhen. Mit ihrer Bezeichnung als Meinung ist über ihre Wahrheit noch nicht entschieden. Ebenso kann eine Vermutung berechtigt sein, wenn gewichtige Hinweise für sie sprechen. Entscheidend ist, dass Du die Stärke Deiner Behauptung an dem ausrichtest, was Du zu ihrer Begründung vorbringen kannst.

Für diesen Kurs brauchen wir deshalb keine abschließende Theorie des Wissens. Wir brauchen die Fähigkeit, Unterschiede kenntlich zu machen: Was ist hinreichend gesichert? Was ist begründet wahrscheinlich? Was bleibt eine offene Möglichkeit? Und an welcher Stelle behaupte ich bereits mehr, als ich gegenwärtig rechtfertigen kann?

Wahrnehmung und Deutung: Was hast Du tatsächlich bemerkt?

Nehmen wir einen weiteren alltäglichen Satz: „Meine Kollegin war heute wütend auf mich.“ Vielleicht hat sie laut gesprochen, Deinen Vorschlag zurückgewiesen und die Tür kräftig geschlossen. Diese Vorgänge kannst Du möglichst genau beschreiben. Dass sie wütend war und dass ihre Wut Dir galt, ist bereits eine Deutung dessen, was Du wahrgenommen hast.

Eine solche Deutung kann sehr gut begründet sein. Wenn die Kollegin ausdrücklich gesagt hat, sie sei wegen Deines Verhaltens wütend, verfügt Dein Urteil über eine andere Grundlage, als wenn Du allein aus dem Geräusch der Tür auf ihren inneren Zustand schließt. Die Unterscheidung hilft Dir, die Tragfähigkeit Deiner Aussage genauer einzuschätzen.

Auch eine Wahrnehmung bleibt fehlbar. Du kannst etwas überhören, Dich an einen Wortlaut ungenau erinnern oder eine Situation nur teilweise mitbekommen haben. Deshalb gehört zur Genauigkeit gelegentlich der Zusatz: „Soweit ich mich erinnere“, „Ich habe nur den Schluss des Gesprächs gehört“ oder „Den genauen Wortlaut müsste ich nachsehen“. Solche Einschränkungen geben Deinem Satz einen bestimmten Umfang, für den Du einstehen kannst.

Die Frage nach der Wahrnehmung führt also zu einer möglichst sachnahen Beschreibung. Je genauer Du benennen kannst, was geschehen ist, desto deutlicher wird, welche weitere Bedeutung Du dem Geschehen selbst gegeben hast.

Gewissheit und Wahrheit: Wie sicher fühlst Du Dich – und was trägt Dein Urteil?

Es gibt Gedanken, die sich mit großer innerer Bestimmtheit melden. Du bist überzeugt, dass ein Vorhaben scheitern wird, dass jemand Dich verachtet oder dass Du einer Aufgabe niemals gewachsen sein wirst. Diese Überzeugung kann so stark sein, dass jede Rückfrage beinahe wirklichkeitsfern erscheint.

Doch die Stärke Deiner Überzeugung und die Tragfähigkeit ihrer Gründe sind verschiedene Dinge. Eine Befürchtung kann Dir seit Jahren vertraut sein und dadurch den Charakter einer Gewissheit angenommen haben. Vielleicht hast Du den Satz „Das kann ich nicht“ so oft wiederholt, dass Du kaum noch bemerkst, wie wenig Du die betreffende Fähigkeit je erprobt hast. Umgekehrt kann ein gut begründetes Urteil von Unsicherheit begleitet sein, weil Du seine Bedeutung und die Möglichkeit eines Irrtums ernst nimmst.

Darum lohnt es sich, zwei Fragen auseinanderzuhalten: Wie sicher bin ich mir? Und worauf gründet sich diese Sicherheit? Die erste Frage betrifft Deine Überzeugtheit; die zweite führt zur Prüfung ihrer Berechtigung. Erst wenn Du beide unterscheiden kannst, wird sichtbar, ob Deine Sicherheit durch Gründe getragen wird.

Erfahrung, Gefühl und Ahnung: Wie werden sie zu Erkenntnishinweisen?

Deine Erfahrungen gehören in diese Prüfung hinein. Wer über längere Zeit unter bestimmten Arbeitsbedingungen gelitten hat, weiß etwas über sein Erleben, das sich durch den Hinweis auf eine einzelne angenehme Woche nicht erledigt. Wiederholte Erfahrungen können Zusammenhänge erkennbar machen und einem Urteil erhebliches Gewicht geben.

Gleichwohl enthält der Satz „So habe ich es erlebt“ einen anderen Anspruch als der Satz „So wird es unter allen Umständen bleiben“. Im zweiten Satz gehst Du von der bisherigen Erfahrung zu einer Aussage über die Zukunft über. Dieser Übergang mag begründet sein; als Übergang muss er jedoch sichtbar bleiben.

Ähnliches gilt für Gefühle. Wenn Du sagst: „Ich habe Angst vor dem nächsten Arbeitstag“, berichtest Du zunächst von Deinem gegenwärtigen Erleben. Mit dem Satz „Der nächste Arbeitstag wird unerträglich“ behauptest Du bereits etwas über ein noch bevorstehendes Geschehen. Die Angst verdient Aufmerksamkeit und kann auf eine ernste Belastung hinweisen. Welche Zukunft aus ihr folgt, verlangt eine eigene Prüfung.

Auch eine Ahnung kann Dich auf etwas aufmerksam machen, das Du noch nicht genau benennen kannst. Halte dann fest, was sich Dir andeutet, und frage nach den Umständen, an denen es sich überprüfen ließe. So erhält die Ahnung einen Platz im Denken, an dem sie genauer werden kann, ohne schon als erwiesene Einsicht gelten zu müssen.

Am Beispiel „Ich muss meinen Beruf wechseln“: Was steht bereits fest?

Kehren wir zu dem Satz zurück, der uns durch den Kurs begleitet: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Nach der Begriffsklärung weißt Du vielleicht genauer, ob Du Deine Tätigkeit, Deine gegenwärtige Stelle oder die Richtung Deines beruflichen Lebens meinst. Nun untersuchst Du, was Deine Aussage über die Lage bereits trägt.

Vielleicht kannst Du anhand Deiner Aufzeichnungen feststellen, dass Du in den vergangenen sechs Wochen regelmäßig länger gearbeitet hast als vereinbart. Vielleicht hast Du wiederholt um eine andere Aufgabenverteilung gebeten und bisher keine Zusage erhalten. Vielleicht bemerkst Du seit Monaten, dass Dir nach der Arbeit kaum Kraft für jene Tätigkeit bleibt, der Du Dich eigentlich widmen möchtest. Dies sind unterschiedliche Arten von Auskünften: dokumentierbare Arbeitszeiten, erinnerte Gespräche und Berichte über Dein Erleben.

Daraus könnte die Vermutung erwachsen, dass sich Deine Lage an dieser Stelle kaum verändern wird. Vielleicht sprechen die bisherigen Gespräche deutlich dafür. Dennoch bleibt diese Vermutung von der Frage zu unterscheiden, ob ein Berufswechsel die erforderliche oder die beste Antwort wäre. Auch die Hoffnung, ein anderer Beruf werde Dir mehr Zeit und Sinn ermöglichen, ist zunächst eine Erwartung, deren Berechtigung Du erst untersuchen musst.

Dein vorläufiger Satz könnte deshalb lauten: „Meine gegenwärtigen Arbeitsbedingungen belasten mich seit Monaten; ich halte einen Wechsel für eine mögliche Antwort und möchte prüfen, ob er mir mehr Raum für eine sinnvoll gewählte Aufgabe eröffnet.“ Damit ist Deine Lage genauer ausgesprochen. Sollte sich im weiteren Verlauf zeigen, dass ein Wechsel tatsächlich notwendig ist, wirst Du besser angeben können, worauf dieses Urteil beruht.

Der Wunsch nach einer Lebensaufgabe und das Wissen um einen Weg

Gerade bei der beruflichen Frage kann unter der Unzufriedenheit ein weiter reichender Wunsch hervortreten: Du möchtest für etwas da sein, dessen Wert Du einsiehst. Vielleicht suchst Du eine Aufgabe, in der Deine Fähigkeiten gebraucht werden und der Du Deine Zeit mit begründeter Zustimmung widmen kannst. Diesen Wunsch auszusprechen, kann Dir eine bislang verdeckte Richtung Deines Fragens erschließen.

Damit weißt Du allerdings noch nicht, welche konkrete Tätigkeit diesem Anspruch entspricht. Wenn Du Dich zum Schreiben, Unterrichten oder Begleiten von Menschen hingezogen fühlst, ist zunächst etwas über Dein Interesse und Deinen Wunsch sichtbar geworden. Ob eine solche Aufgabe Deinen Fähigkeiten, Deinen Verpflichtungen und einem vernünftig prüfbaren Maß des Guten entspricht, bleibt zu untersuchen.

Die Genauigkeit bewahrt hier die Offenheit Deiner Suche. Du darfst einen Wunsch ernst nehmen und zugleich nach seinen Gründen fragen. Ebenso darfst Du eine Möglichkeit erproben, bevor Du sie zur Gewissheit über Deine Lebensaufgabe erhebst.

Genauigkeit ohne endlosen Zweifel: So viel prüfen, wie die Frage verlangt

Vielleicht entsteht nun der Eindruck, jede Aussage müsse in Vorbehalte aufgelöst werden. Doch wenn ein Sachverhalt hinreichend geklärt ist, darfst Du Dich auf ihn stützen. Die Unterscheidung von Wissen und Vermutung soll Dir ermöglichen, das Gesicherte zu gebrauchen und die noch offenen Stellen gezielt zu untersuchen.

Wie gründlich Du prüfen solltest, hängt auch davon ab, was auf dem Spiel steht. Eine beiläufige Vermutung über die Ursache einer Verspätung verlangt gewöhnlich weniger Untersuchung als eine Entscheidung, die Deinen Beruf, Deine Familie oder Deine wirtschaftliche Grundlage verändert. Wo die Folgen weit reichen, verdient die Grundlage Deines Urteils entsprechend große Aufmerksamkeit.

Du musst dabei nicht auf jede Unsicherheit dieselbe Antwort geben. Vielleicht genügt es, einen Gesprächsverlauf nachzulesen, eine zuständige Person zu fragen oder eine berufliche Möglichkeit näher kennenzulernen. Manchmal besteht der nächste vernünftige Schritt darin, eine fehlende Auskunft einzuholen, durch die eine unbestimmte Sorge zu einer beantwortbaren Frage wird.

Dein Denkversuch: Gib Deinen Aussagen ihren richtigen Rang

Nimm nun Deinen eigenen Satz wieder zur Hand, möglichst in jener Fassung, die nach dem dritten Kapitel entstanden ist. Schreibe darunter in wenigen vollständigen Sätzen auf, was Du über die betreffende Situation tatsächlich sagen kannst. Beginne bei konkreten Vorgängen und benenne, woher Du Deine Auskunft hast: aus eigener Beobachtung, aus einem Gespräch, aus Unterlagen oder aus einer anderen Quelle.

Beschreibe anschließend, wie Du diese Vorgänge deutest. Vielleicht erkennst Du darin mangelnde Anerkennung, eine versäumte Möglichkeit oder einen Hinweis auf eine nötige Veränderung. Frage Dich bei jeder Deutung, welche Beobachtung sie trägt und was an ihr noch ungesichert bleibt. Wenn Dich eine Befürchtung oder Hoffnung leitet, schreibe auch diese ausdrücklich auf.

Lies Deine Notizen danach mit der Frage: Welche Aussage hat bisher den Rang des Wissens erhalten, obwohl ich sie nur vermute? Vielleicht hast Du eine Möglichkeit ausgeschlossen, ohne sie näher zu kennen, oder einer Erwartung schon die Sicherheit eines eingetretenen Ereignisses gegeben. Korrigiere die Formulierung an dieser Stelle so weit, dass sie Deiner tatsächlichen Kenntnis entspricht.

Schreibe schließlich Deinen Ausgangssatz erneut auf und benenne eine wichtige Auskunft, die Dir für seine weitere Prüfung noch fehlt. Bewahre beide Fassungen auf. Du kannst dann erkennen, ob Dein Gedanke genauer geworden ist und worauf Du Deine Aufmerksamkeit als Nächstes richten möchtest.

Ausblick auf Schritt 5: Was setzt Dein Gedanke bereits voraus?

Mit diesem Schritt lernst Du, den Erkenntnisanspruch Deines Satzes kenntlich zu machen. Du erkennst genauer, was Du wahrgenommen hast, was Du daraus erschließt und welche Fragen noch offenbleiben. Darin wächst eine Form der Selbstkenntnis: Du lernst, über die Reichweite Deines eigenen Urteilens Auskunft zu geben.

Doch selbst eine sorgfältig bezeichnete Vermutung kann auf Annahmen beruhen, die bisher unausgesprochen geblieben sind. Vielleicht erwartest Du von einem Berufswechsel Erfüllung, weil Du voraussetzt, dass Deine Lebensaufgabe vor allem im Beruf gefunden werden müsse. Vielleicht erscheint Dir eine Entscheidung dringend, weil Du glaubst, eine Gelegenheit werde niemals wiederkehren. Deshalb fragt der fünfte Schritt: Was muss ich bereits für wahr halten, damit mein Gedanke überhaupt trägt?