Suche Gründe und Gegengründe - NEUE VERNUNFT

6) Suche Gründe und Gegengründe


Kurs: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! · Schritt 6

Wenn der eigene Gedanke Widerspruch bekommt

Du erzählst einem vertrauten Menschen von Deinem Vorhaben. „Ich muss meinen Beruf wechseln“, sagst Du und beginnst zu erklären, weshalb Du zu diesem Urteil gekommen bist. Dein Gegenüber hört zu und fragt schließlich: „Woher weißt Du, dass Du für das, was Du suchst, tatsächlich einen anderen Beruf brauchst?“ Vielleicht spürst Du, wie Du Dich innerlich aufrichtest und Deine Gründe entschiedener vorbringst. Du möchtest verstanden werden, und die Frage erscheint Dir zunächst wie ein Hindernis auf einem Weg, den Du endlich erkannt zu haben glaubst.

Doch später kehrt sie wieder. Du bemerkst, dass sie eine Stelle berührt, die in Deinen bisherigen Überlegungen offen geblieben ist. Vielleicht hast Du schon manches geprüft, aber vor allem dasjenige bedacht, was Deinem Vorhaben entgegenkommt. Nun steht eine andere Möglichkeit im Raum: dass der Einwand etwas zu erkennen gibt, was Deinem eigenen Denken bisher entgangen ist.

Damit beginnt der sechste Schritt des Kurses KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! Nachdem Du im vorhergehenden Kapitel die verborgenen Voraussetzungen Deines Urteils aufgesucht hast, fragst Du nun, welche Gründe dieses Urteil tragen und welchen Einwänden es standhalten muss. Die sokratische Leitfrage lautet: Was spricht für meinen Gedanken, und welcher ernsthafte Einwand könnte mich dazu bringen, ihn zu korrigieren?

Was einen Grund zu einem tragfähigen Grund macht

Wer einen Gedanken begründet, gibt Auskunft darüber, weshalb er ihn für wahr, wahrscheinlich oder für das Handeln maßgeblich hält. Ein Grund stellt eine nachvollziehbare Verbindung her: zwischen dem, wovon Du ausgehen kannst, und dem Urteil, zu dem Du gelangst. Diese Verbindung verdient ebenso viel Aufmerksamkeit wie die angeführten Tatsachen selbst.

Vielleicht sagst Du: „Ich muss meinen Beruf wechseln, weil mich meine Arbeit seit Langem unzufrieden macht.“ Die anhaltende Unzufriedenheit ist ein bedeutsamer Anlass, Deine Lage zu untersuchen. Wie weit reicht aber ihre Begründungskraft? Sie spricht dafür, dass etwas der Klärung und möglicherweise der Veränderung bedarf. Ob gerade ein Berufswechsel notwendig ist, bleibt damit noch offen, solange andere Ursachen und andere Wege ernsthaft in Betracht kommen.

Ein Grund kann also zutreffen und dennoch weniger tragen, als Du ihm zumutest. Zwischen „Hier sollte sich etwas ändern“ und „Ich muss meinen Beruf wechseln“ liegt ein gedanklicher Weg, dessen einzelne Übergänge begründet werden wollen. Frage deshalb bei jedem wichtigen Grund: Wenn dies zutrifft, was genau darf ich daraus schließen? So lernst Du, den Anspruch Deines Urteils an die Reichweite seiner Gründe zu binden.

Vom verborgenen Voraussetzen zum ausdrücklichen Begründen

Im fünften Schritt hast Du vielleicht erkannt, dass Dein Urteil auf der Annahme beruht: „Innerhalb meines bisherigen Berufes kann ich keine sinnvolle Aufgabe mehr finden.“ Nun tritt diese Annahme selbst in die Prüfung ein. Welche Erfahrungen sprechen für sie, welche Auskünfte stützen sie, und wie weit reicht das, was Du tatsächlich untersucht hast?

Vielleicht hast Du mehrere Arbeitsstellen kennengelernt und überall dieselben Tätigkeiten ausgeübt, deren Anforderungen Deinen begründeten Überzeugungen widersprechen. Das kann Deiner Annahme Gewicht geben. Vielleicht kennst Du bisher jedoch nur einen Betrieb und eine bestimmte Aufgabenverteilung. Dann müsste erst geklärt werden, ob Du von dieser begrenzten Erfahrung auf den ganzen Beruf schließen darfst.

Das ausgesprochene Voraussetzen wird auf diese Weise zum Gegenstand des Begründens. Du kannst genauer unterscheiden, wo Dein Gedankengang bereits Halt besitzt und wo er noch auf einer ungeprüften Erwartung ruht. Die Arbeit am Grund führt Dich dabei immer wieder zu den vorhergehenden Schritten zurück: zu den Wörtern, zum Erkenntnisanspruch und zu den Annahmen Deines Satzes.

Warum wir Gründe bevorzugen, die uns bestätigen

Wenn Du eine Veränderung ersehnst, erhalten bestimmte Erfahrungen leicht ein besonderes Gewicht. Das schwierige Gespräch am Arbeitsplatz bleibt Dir gegenwärtig, während eine gelungene Aufgabe kaum noch in Deine Überlegung eingeht. Die Erzählung eines Menschen, der nach einem Berufswechsel aufgeblüht ist, scheint Deinen Weg zu bestätigen; die Erfahrungen eines anderen, dessen Probleme mitgegangen sind, wirken dagegen weniger einschlägig.

Vielleicht gibt es sachliche Gründe für diese unterschiedliche Gewichtung. Doch sie müssen sich benennen lassen. Sobald Du eine Erfahrung vor allem deshalb gelten lässt, weil sie Deinem Wunsch entgegenkommt, beginnt die Prüfung sich in eine nachträgliche Rechtfertigung zu verwandeln. Ihr Ergebnis steht dann bereits fest, während die Gründe nur noch zu seiner Bestätigung aufgerufen werden.

Du kannst diese Neigung an einer einfachen Frage prüfen: Würde ich denselben Grund auch dann gelten lassen, wenn er gegen mein Vorhaben spräche? Wer vom beruflichen Neubeginn eines anderen auf die eigene Zukunft schließt, sollte auch erklären können, welche Bedeutung ein misslungener Neubeginn für seine Überlegung hat. Beide Erfahrungen bedürfen der Prüfung ihrer Vergleichbarkeit.

Gegengründe suchen: Gib dem stärksten Einwand eine Stimme

Ein Gegengrund kann zeigen, dass eine angeführte Tatsache unzutreffend ist, eine Voraussetzung ungesichert bleibt oder die Schlussfolgerung über das hinausgeht, was die Gründe hergeben. Er kann außerdem einen Gesichtspunkt erschließen, den Du bisher übersehen hast. Deshalb braucht ein Einwand Deinen Ausgangssatz keineswegs vollständig zu widerlegen, um für Dein Denken wertvoll zu sein.

Beim Berufsbeispiel könnte ein ernsthafter Einwand lauten: „Du hast noch nicht geklärt, ob Deine gesuchte Aufgabe innerhalb Deines bisherigen Berufes einen anderen Ort finden könnte.“ Damit ist ein Berufswechsel weiterhin möglich. Fraglich wird jedoch die behauptete Notwendigkeit, weil eine bedeutsame Alternative ungeprüft geblieben ist.

Versuche, einen solchen Einwand so genau auszusprechen, dass auch ein verständiger Mensch, der Deine Auffassung nicht teilt, sich darin wiederfinden könnte. Du wirst ihn kaum ernsthaft prüfen können, solange Du ihm eine bequeme Schwäche gibst. „Du willst eben, dass alles beim Alten bleibt“ sagt beispielsweise wenig über die sachliche Berechtigung der Frage, ob andere Möglichkeiten bestehen.

Auch das Ansehen des Menschen, der einen Einwand vorbringt, entscheidet nicht über dessen Gewicht. Ein wohlmeinender Freund kann sich irren, und ein Mensch, dessen Haltung Dir fremd ist, kann einen zutreffenden Gesichtspunkt nennen. Die Prüfung verlangt, dass Du dem ausgesprochenen Gedanken nachgehst und zeigen kannst, weshalb Du ihn annimmst oder zurückweist.

Was müsste zutreffen, damit Du Dein Urteil änderst?

Eine besonders aufschlussreiche Frage lautet: Was müsste ich erfahren oder einsehen, damit ich meinen bisherigen Satz nicht mehr unverändert vertreten könnte? Bei einer Tatsachenbehauptung kann eine entgegenstehende Beobachtung entscheidend sein. Bei einem Handlungsurteil wie dem notwendigen Berufswechsel können neue Möglichkeiten, korrigierte Erwartungen oder eine bessere Begründung Dein Urteil verändern.

Angenommen, Du erfährst von einer Tätigkeit innerhalb Deines bisherigen Berufes, die Deiner gesuchten Aufgabe entspricht und für Dich unter erreichbaren Bedingungen offensteht. Dann verlöre die Annahme, nur ein Berufswechsel könne weiterführen, einen wesentlichen Teil ihrer Grundlage. Vielleicht würdest Du den Wechsel weiterhin vorziehen, doch Du müsstest nun genauer sagen, weshalb.

Die bloße Vorstellung einer solchen Möglichkeit beweist allerdings noch nichts über Deine wirkliche Lage. Sie zeigt zunächst, welche Auskunft für die Prüfung bedeutsam wäre. Daraus kann ein konkreter nächster Schritt entstehen: ein Gespräch, eine gezielte Erkundung oder die genauere Untersuchung eines Tätigkeitsfeldes. Vernünftiges Denken erkennt hier, wo weiteres Nachdenken allein nicht genügt und eine fehlende Auskunft eingeholt werden muss.

Wenn Dir überhaupt nichts einfällt, das Dein Urteil verändern könnte, lohnt ein erneutes Hinsehen. Vielleicht besitzt Dein Gedanke tatsächlich eine besondere Gewissheit; vielleicht hast Du ihn aber auch so gegen jede Rückfrage abgesichert, dass er sich der Prüfung entzieht. Entscheidend bleibt, ob Du über seine Gründe Auskunft geben und berechtigte Einwände beantworten kannst.

Gründe abwägen: Ihr Gewicht entscheidet

Eine lange Reihe zustimmender Gründe kann eindrucksvoll wirken. Doch mehrere Formulierungen derselben Erfahrung ergeben noch keine voneinander unabhängigen Gründe. „Ich gehe ungern zur Arbeit“, „Ich freue mich auf jeden freien Tag“ und „Am Sonntag bedrückt mich der Montag“ können dieselbe Unzufriedenheit aus verschiedenen Richtungen beschreiben. Sie verdienen Beachtung, ohne dass aus ihrer Anzahl bereits die Notwendigkeit eines Berufswechsels folgte.

Prüfe deshalb, ob ein Grund sachlich gesichert ist, ob er die vorliegende Frage wirklich betrifft und wie weit er Dein Urteil stützt. Prüfe ebenso, ob ein Gegengrund lediglich eine entfernte Möglichkeit nennt oder einen entscheidenden Fehler aufdeckt. Ein einziger nachgewiesener Irrtum in einer unverzichtbaren Voraussetzung kann schwerer wiegen als zahlreiche Erwägungen, die den Kern der Frage kaum berühren.

Dabei darfst Du zu einem begründeten, vorläufigen Ergebnis gelangen. Du brauchst nicht für jeden Gedanken gleich viele Gründe und Gegengründe zu finden. Manche Einwände lassen sich beantworten; andere bleiben offen oder verlangen eine Änderung Deines Satzes. Die Sorgfalt besteht darin, ihnen nach ihrem sachlichen Gewicht gerecht zu werden.

Wunsch, Furcht und Begründung unterscheiden

Dein Wunsch nach einer erfüllenden Aufgabe gehört in die Überlegung, ebenso die Furcht vor einem Verlust, der mit einer Veränderung verbunden sein könnte. Darin wird erkennbar, was Dir etwas bedeutet und welche Güter Du bewahren oder verwirklichen möchtest. Ob ein bestimmter Weg dorthin führt, verlangt jedoch eine weitere Begründung.

Aus „Ich wünsche mir diese Tätigkeit“ folgt zunächst, dass Du sie wünschst. Ob sie Deinen Fähigkeiten entspricht, ob Du ein zutreffendes Bild von ihr besitzt und ob Du Dich ihr beruflich widmen solltest, ist damit noch nicht entschieden. Ebenso kann die Furcht vor einem Wechsel auf ein wirkliches Risiko aufmerksam machen, dessen Umfang eigens zu klären bleibt.

Diese Unterscheidung macht Dein inneres Erleben für die Prüfung zugänglich. Du kannst sagen, was Du ersehnst, was Du befürchtest und welche Gründe Du dafür besitzt, Deinen Erwartungen zu vertrauen. Gerade wenn eine Frage bis an Deine Lebensaufgabe reicht, verdient sie diese Genauigkeit: Wofür Du da sein möchtest und auf welchem Weg Du dafür da sein kannst, gehören zusammen, ohne schon dieselbe Frage zu sein.

Ein Denkversuch für Deine eigene Kursfrage

Nimm nun Deinen bisherigen Kurssatz zur Hand und lies auch die Voraussetzungen, die Du im fünften Schritt festgehalten hast. Schreibe den stärksten Grund auf, den Du für Dein Urteil nennen kannst. Erläutere anschließend in wenigen Sätzen, worauf dieser Grund beruht und was aus ihm tatsächlich folgt. Achte besonders darauf, ob er Deinen ganzen Satz trägt oder nur einen Teil davon.

Formuliere dann den stärksten Einwand, der Dir gegen Dein Urteil einfällt. Gib ihm so viel Genauigkeit, wie Du Deinem eigenen Grund zugestanden hast. Frage Dich, was Du darauf antworten kannst und an welcher Stelle Du eine Auskunft benötigst, die Dir gegenwärtig fehlt. Für diese Übung genügt ein ernsthaft geprüfter Einwand; Du musst keine möglichst lange Sammlung anlegen.

Ergänze danach den Satz: „Ich müsste mein Urteil ändern, wenn sich zeigen würde, dass …“ Halte fest, wie Du herausfinden könntest, ob diese Bedingung tatsächlich vorliegt. Beim Berufsbeispiel könnte daraus die Aufgabe entstehen, eine konkrete Möglichkeit innerhalb des bisherigen Berufes zu untersuchen, bevor Du sein Verlassen für notwendig erklärst.

Schreibe zum Abschluss Deinen Ausgangssatz erneut. Vielleicht kannst Du ihn nun besser begründen, vielleicht musst Du ihn einschränken. Aus „Ich muss meinen Beruf wechseln“ könnte werden: „Meine Unzufriedenheit gibt mir gute Gründe, eine Veränderung zu suchen. Ob dafür ein Berufswechsel erforderlich ist, hängt wesentlich davon ab, ob meine gesuchte Aufgabe innerhalb meines bisherigen Berufes verwirklicht werden kann.“ Bewahre beide Fassungen auf, damit Du den Fortgang Deiner Prüfung erkennen kannst.

Ausblick auf Schritt 7: Nach welchem Maß urteilst Du?

Wer Gegengründe ernst nimmt, gewinnt ein anderes Verhältnis zum eigenen Urteil. Du kannst an einem Gedanken festhalten und zugleich angeben, wo seine Grenzen liegen; Du kannst ihn korrigieren und verstehen, weshalb die Korrektur geboten ist. So wächst eine Selbstständigkeit des Denkens, die sich im Geben und Prüfen von Gründen bewährt.

Doch im Abwägen tritt allmählich eine weitere Frage hervor. Weshalb erhält die Sicherheit für Dich ein bestimmtes Gewicht, weshalb die erfüllende Aufgabe ein anderes? Was macht eine Tätigkeit sinnvoll, und woran bemisst sich, ob eine Veränderung gut wäre? Mit diesen Fragen gelangst Du zum siebten Schritt: „Frage nach dem Maß.“ Dort wird ausdrücklich geprüft, nach welchen Maßstäben Du Deine Gründe gewichtest und wie sich diese Maßstäbe selbst begründen lassen.