Kurs: KLAR UND VERNÜNFTIG DENKEN! – Schritt 7
Wenn dieselbe Entscheidung gut und falsch erscheint
Du erzählst einem vertrauten Menschen, dass Du Deinen Beruf wechseln möchtest. Du hast lange darüber nachgedacht, Gründe gesammelt, Einwände zugelassen und manches von dem berichtigt, was Dir anfangs selbstverständlich erschien. Nun hoffst Du auf ein Gespräch, das Dich in Deiner Prüfung weiterführt. Dein Gegenüber hört zu und sagt schließlich: „Aber Du hast doch eine sichere Stelle. Es wäre unvernünftig, sie aufzugeben.“
Ein anderer Mensch hört dieselbe Geschichte und kommt zu einem anderen Urteil: „Wenn Du eine Aufgabe findest, für die Du wirklich da sein willst, wäre es unvernünftig, bloß aus Gewohnheit zu bleiben.“ Beide kennen vielleicht dieselben Umstände. Beide möchten Dir helfen, beide berufen sich auf Vernunft, und dennoch weisen ihre Urteile in verschiedene Richtungen. Was ist hier geschehen? Haben sie unterschiedlich gründlich nachgedacht, oder beurteilen sie das Bedachte nach einem unterschiedlichen Maß?
Der eine misst die Entscheidung vor allem an der Sicherheit, die sie bewahrt. Der andere misst sie an der Aufgabe, der Dein Leben dienen könnte. Schon bevor sie ihr Urteil aussprechen, ist etwas darüber entschieden, was für sie entscheidend sein soll. Dieses oft unausgesprochene Maß müssen wir nun vor uns bringen, wenn wir verstehen wollen, weshalb derselbe Schritt dem einen vernünftig und dem anderen unvernünftig erscheint.
Vom Prüfen der Gründe zum Prüfen des Maßstabs
Im sechsten Schritt hast Du Deinen Gedanken einer wirklichen Gegenprüfung ausgesetzt. Du hast gefragt, was für ihn spricht und was gegen ihn einzuwenden ist. Damit hast Du ihm erlaubt, sich zu verändern, statt nur immer neue Bestätigungen um sich zu versammeln. Doch auch eine sorgfältige Sammlung von Gründen lässt eine Frage offen: Wodurch erhalten diese Gründe ihr Gewicht?
Die Aussicht auf ein höheres Einkommen kann für einen Berufswechsel sprechen. Dasselbe gilt für mehr Zeit, größere Selbständigkeit oder eine sinnvollere Aufgabe. Aber weshalb soll das eine schwerer wiegen als das andere? Wer allein Gründe aufzählt, hat diese Frage noch nicht beantwortet. Auch zehn Vorteile können gegenüber einem einzigen schwerwiegenden Einwand zurücktreten, wenn dieser Einwand etwas betrifft, das nicht ohne Weiteres preisgegeben werden darf.
Hier setzt der siebte Schritt an. Er führt von der Frage „Was spricht dafür?“ zur Frage „Wonach beurteile ich, was dafür spricht?“. Das Denken wendet sich dem Maß zu, das seine Gründe ordnet und sein Urteil trägt. Die sokratische Leitfrage dieses Kapitels lautet deshalb: Nach welchem Maß urteile ich – und welche Gründe sprechen dafür, gerade dieses Maß anzulegen?
Was ist ein Maßstab des Urteilens?
Ein Maßstab bezeichnet hier das Kriterium, nach dem Du etwas beurteilst. Wenn Du einen Weg kurz nennst, misst Du seine Länge; wenn Du eine Behauptung wahr nennst, fragst Du danach, ob es sich so verhält, wie sie behauptet. Bezeichnest Du eine Entscheidung als gerecht, geht es darum, ob sie den berechtigten Ansprüchen der Betroffenen gerecht wird. Das Wort „gut“ verlangt daher stets die Rückfrage, in welcher Hinsicht etwas gut sein soll.
Ein Messer kann gut schneiden und für eine bestimmte Aufgabe dennoch ungeeignet sein. Ein Gespräch kann angenehm verlaufen und einer notwendigen Klärung ausweichen. Eine berufliche Entscheidung kann finanziell vorteilhaft sein und Dich zugleich zu einer Tätigkeit verpflichten, die Du aus guten Gründen für verwerflich hältst. Das Urteil „gut“ bleibt unbestimmt, solange verborgen bleibt, woran dieses Gute gemessen wird.
Nicht jedes Urteil misst auf dieselbe Weise. Bei einer Tatsachenbehauptung steht ihre Wahrheit zur Prüfung, bei der Wahl eines Werkzeugs seine Eignung für einen bestimmten Zweck, bei einer Lebensentscheidung auch die Berechtigung des Zwecks selbst. Ein Maßstab muss deshalb zur Frage passen. Ob eine Aussage wahr ist, lässt sich nicht daran entscheiden, ob sie Dich beruhigt; ob eine Handlung gerecht ist, nicht allein daran, ob sie Dir nützt.
Die verborgenen Maßstäbe hinter unseren Urteilen
Oft tritt der Maßstab nicht ausdrücklich hervor. Wir sagen: „Das lohnt sich nicht“, und halten unseren Satz bereits für eine Begründung. Doch was heißt hier „lohnen“? Meinen wir Geld, Anerkennung, Erkenntnis, Freude oder einen Beitrag zu etwas, das uns auch dann wichtig wäre, wenn niemand davon erführe? Solange dies ungeklärt bleibt, kann das Urteil entschlossen klingen und dennoch im Unbestimmten stehen.
Ähnlich verhält es sich mit Sätzen wie „Das ist doch normal“ oder „So macht man das heute“. Hier wird das Übliche zum Maß des Richtigen erhoben. Dass etwas häufig vorkommt, kann eine zutreffende Beobachtung sein. Ob es deshalb berechtigt, sinnvoll oder gut ist, bleibt eine weitere Frage, die durch seine Verbreitung noch keine Antwort erhalten hat.
Manchmal begegnet uns ein Maßstab sogar im Gewand der Maßstabslosigkeit: „Das musst Du ganz allein für Dich entscheiden.“ Gewiss kann Dir niemand die Verantwortung für Dein Leben abnehmen. Aber aus dieser Verantwortung folgt nicht, dass jeder Maßstab gleich gut begründet wäre. Auch eine selbständige Entscheidung kann sich an einer ungeprüften Vorstellung von Erfolg orientieren, und auch eine sehr persönliche Überzeugung muss befragbar bleiben.
Unser Beispiel: „Ich muss meinen Beruf wechseln“
Kehren wir zu dem Satz zurück, der uns durch den Kurs begleitet: „Ich muss meinen Beruf wechseln.“ Du hast inzwischen vielleicht erkannt, dass Du unter „Beruf“ mehr verstehst als Deine gegenwärtige Stelle. Es geht Dir um eine Tätigkeit, in der Deine Fähigkeiten gebraucht werden und in der Du eine Aufgabe wahrnehmen kannst, für die Du einzustehen bereit bist. Zugleich weißt Du, dass Dein Lebensunterhalt gesichert werden muss und dass andere Menschen von Deinen Entscheidungen berührt werden.
Nun könntest Du Deinen ursprünglichen Satz ergänzen: „Ich muss meinen Beruf wechseln, weil meine Arbeit mir zu wenig Anerkennung bringt.“ Damit ist ein Grund genannt, zugleich aber auch ein Maßstab sichtbar geworden. Du misst die Güte Deiner beruflichen Lage an der Anerkennung, die sie Dir verschafft. Die nächste Frage lautet deshalb: Welche Anerkennung fehlt Dir, und weshalb soll gerade sie darüber entscheiden, ob diese Arbeit zu Dir passt?
Vielleicht geht es um die berechtigte Würdigung einer Leistung. Vielleicht meinst Du aber auch den Wunsch, andere mit Deiner Tätigkeit zu beeindrucken. Beides kann sich zunächst im selben Wort verbergen, verlangt jedoch eine unterschiedliche Prüfung. Fehlende Wertschätzung kann auf einen tatsächlichen Missstand hinweisen; der Wunsch nach Bewunderung könnte Dich dagegen auch in einem neuen Beruf immer weiter antreiben, ohne Dir eine begründete Orientierung zu geben.
Oder Du ergänzt Deinen Satz anders: „Ich muss meinen Beruf wechseln, weil ich dort Dinge vertreten soll, die ich für unwahr halte.“ Nun tritt Wahrhaftigkeit als Maß hervor. Dieser Einwand hat eine andere Bedeutung als die Aussicht auf einen schöneren Arbeitsplatz. Zuerst wäre sorgfältig zu prüfen, ob Deine Beschreibung zutrifft und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen. Wenn sie zutrifft, darf die Frage, ob Du an einer Täuschung mitwirken sollst, jedoch nicht einfach unter den übrigen Vor- und Nachteilen verschwinden.
Wenn Sicherheit, Freiheit und Lebensaufgabe einander begrenzen
Die Schwierigkeit beginnt häufig dort, wo mehrere berechtigte Maßstäbe zusammenkommen. Sicherheit ist ein verständliches Anliegen, denn ohne eine tragfähige Lebensgrundlage können Möglichkeiten verlorengehen, die Du bewahren möchtest. Auch die Frage nach Deiner Lebensaufgabe ist berechtigt: Wofür willst Du Deine Zeit und Deine Fähigkeiten einsetzen? Eine gesicherte Tätigkeit beantwortet diese Frage noch nicht, und eine begeisternde Aufgabe sichert noch keinen Lebensunterhalt.
Du wirst deshalb genauer bestimmen müssen, welchen Anspruch jedes Maß in Deiner Lage erheben darf. Welche Absicherung brauchst Du tatsächlich? Welche Unsicherheit kannst Du verantworten? Was macht die erhoffte Aufgabe sinnvoll, und woran zeigt sich, dass Du ihr gewachsen sein könntest? Solche Fragen machen die Maßstäbe bestimmter. Aus dem grenzenlosen Verlangen nach „Sicherheit“ kann die begründete Forderung werden, eine notwendige Lebensgrundlage zu erhalten; aus der undeutlichen Sehnsucht nach „Erfüllung“ die Suche nach einer konkreten, verantwortbaren Aufgabe.
Das angemessene Maß liegt dabei nicht notwendig in der Mitte zweier Wünsche. Zwischen Wahrhaftigkeit und Täuschung ergibt ein halber Weg noch keine gute Orientierung. Wo hingegen zwei berechtigte Anliegen miteinander vereinbart werden müssen, kann eine abgestufte Lösung vernünftig sein. Du könntest eine neue Tätigkeit zunächst erproben und zugleich Deine bisherige Arbeit vorläufig fortführen. Ob dies trägt, muss geprüft werden; die Frage nach dem Maß eröffnet solche Möglichkeiten, ohne ihre Eignung vorwegzunehmen.
Auch der Maßstab muss sich rechtfertigen lassen
Es genügt nicht, Deinen Maßstab zu kennen. Du kannst sehr genau wissen, dass Du alles an Einkommen, Bequemlichkeit oder öffentlicher Anerkennung misst, und dennoch einen unzureichenden Maßstab verwenden. Selbsterkenntnis beginnt hier mit dem Erkennen dessen, was Dich leitet; vernünftige Prüfung fragt weiter, ob Du Dich davon leiten lassen solltest.
Du kannst dies zunächst an der Sache prüfen. Erfasst Dein Maßstab, worum es in dieser Frage geht, oder lässt er Wesentliches außer Betracht? Wer eine Freundschaft ausschließlich nach ihrem Nutzen beurteilt, wird vielleicht manches über ihre Vorteile erfahren, aber wenig über die Verlässlichkeit und Wahrhaftigkeit dieser Beziehung. Ein Maßstab kann für eine begrenzte Frage hilfreich sein und als alleinige Orientierung dennoch versagen.
Eine weitere Prüfung betrifft Deine Bereitschaft, denselben Maßstab auch dann anzulegen, wenn er Dir unbequem wird. Wenn Du von anderen Wahrhaftigkeit verlangst, bei Dir selbst aber jede Täuschung mit einem Vorteil entschuldigst, misst Du mit zweierlei Maß. Allerdings ist auch ein konsequent angewandter Maßstab noch nicht allein dadurch gerechtfertigt. Ein Mensch könnte alle Menschen gleichermaßen nach ihrem Nutzen für ihn beurteilen; die Gleichmäßigkeit dieser Beurteilung würde ihre Einseitigkeit nicht aufheben.
Darum bleibt die Frage nach Gründen unerlässlich. Weshalb soll dieser Maßstab gelten, was berücksichtigt er, und welche berechtigten Ansprüche begrenzen ihn? Du wirst darauf nicht immer eine abschließende Antwort finden. Aber Du kannst genauer unterscheiden, ob Du einen Maßstab nur übernommen hast oder ob Du für seine Geltung Gründe nennen kannst, die auch einer kritischen Nachfrage standhalten.
Die Frage nach dem Guten: Wozu soll etwas gut sein?
Wo wir die Maßstäbe selbst prüfen, begegnet uns eine weiterführende Frage. Vielleicht möchtest Du mehr verdienen, um unabhängiger zu werden. Du möchtest unabhängiger werden, um Deine Zeit selbständiger zu gestalten. Und Du möchtest Deine Zeit selbständiger gestalten, um etwas tun zu können, das Du für sinnvoll hältst. Mit jedem „Wozu?“ tritt ein weiterer Zweck hervor, an dem der vorherige gemessen wird.
Doch wodurch ist dieser weiterführende Zweck gerechtfertigt? Dass er Dir wichtig ist, erklärt seine Bedeutung für Dich; ob er berechtigt und erstrebenswert ist, bleibt zu prüfen. Hier öffnet sich die sokratische Frage nach dem Guten: Was verdient es, gewollt zu werden, und weshalb? An ihr müssen sich auch jene Ziele bewähren, die uns besonders vertraut und lieb geworden sind.
Das Gute ist damit noch nicht bestimmt. Auch Wörter wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Verantwortung nehmen uns die Arbeit ihrer Klärung nicht ab. Sie benennen jedoch Ansprüche, an denen wir unsere Zwecke prüfen können: Geht ein vermeintlicher Vorteil mit Täuschung einher? Verletzt er berechtigte Ansprüche anderer? Verlangt er, etwas preiszugeben, dessen Bedeutung wir selbst anerkennen müssen? So gewinnt die Frage nach dem Guten eine prüfende Kraft, auch solange wir keine abschließende Bestimmung des Guten besitzen.
Für Deinen Gedanken über den Berufswechsel bedeutet dies eine Vertiefung. Du fragst nun auch, welcher Aufgabe Du mit guten Gründen dienen möchtest und welche Weise des Arbeitens Du verantworten kannst. Die Frage „Wofür will ich da sein?“ erhält dadurch ihren Ernst: Auch das, wofür Du da sein willst, darf vor die Vernunft treten.
Ein Denkversuch: Lege das Maß Deines Urteils frei
Nimm den Satz zur Hand, den Du seit Beginn des Kurses prüfst, und lies ihn zusammen mit Deinen bisherigen Gründen und Gegengründen. Wähle daraus einen Grund, der Dir besonders gewichtig erscheint. Ergänze schriftlich: „Dieser Grund wiegt für mich schwer, weil ich die Sache daran messe, ob …“ Lass Dir Zeit, bis der Satz etwas Bestimmtes aussagt. „Weil es für mich gut ist“ genügt noch nicht; gerade dieses Gute soll deutlicher werden.
Schreibe anschließend einen zusammenhängenden Absatz darüber, weshalb dieses Maß für Deine Frage angemessen sein soll. Benenne dabei auch, was es nicht erfasst. Wenn Dir etwa Sicherheit wichtig ist, erläutere, welche Sicherheit Du brauchst und weshalb sie hier Gewicht besitzt. Frage danach, ob es etwas gibt, das Du selbst für größere Sicherheit nicht preisgeben dürftest. Du musst auf diese Frage keine schnelle Antwort finden, aber Du solltest erkennen können, wo Dein Maßstab einer Begrenzung bedarf.
Wende Dich nun einem ernst zu nehmenden Gegengrund zu. Vielleicht zeigt sich darin ein weiteres Maß, das bisher zu wenig Beachtung erhalten hat. Prüfe, ob dieser Maßstab einen berechtigten Anspruch ausdrückt, und versuche, das Verhältnis beider Maßstäbe zu beschreiben. So gehst Du über eine bloße Gegenüberstellung hinaus und beginnst zu begründen, weshalb etwas in Deiner Lage Vorrang haben sollte.
Halte zum Abschluss fest: „Ich beurteile meinen Gedanken vorläufig nach …, weil … . Noch ungeklärt ist für mich …“ Das Wort „vorläufig“ lässt Raum für eine bessere Einsicht. Entscheidend ist, dass Du nun genauer sagen kannst, was Dein Urteil trägt und wo seine Begründung noch offenbleibt.
Was Du aus diesem Schritt mitnimmst
Die Frage nach dem Maß macht sichtbar, woran Du Deine Gründe gewichtest und Deine Ziele beurteilst. Sie hilft Dir auch, einen Streit genauer zu verstehen: Vielleicht seid Ihr Euch über die Tatsachen einig, legt aber unterschiedliche Maßstäbe an. Dann muss das Gespräch dort weitergehen, wo diese Maßstäbe begründet, begrenzt oder berichtigt werden können.
Für Dein eigenes Denken liegt darin eine anspruchsvolle Freiheit. Du kannst prüfen, ob das, was Dich bisher geleitet hat, weiterhin leiten soll. Je genauer Du das Maß Deines Urteilens erkennst und begründest, desto eher kannst Du für ein Urteil einstehen, ohne es gegen bessere Einsicht verschließen zu müssen.
Im achten Schritt wenden wir uns dem zu, was aus Deinem Gedanken hervorgeht, wenn Du ihm im Handeln folgst. Denn auch ein ausdrücklich benanntes Maß muss sich in der konkreten Anwendung bewähren. Der nächste Schritt lautet deshalb: „Denke die Folgen mit – ein Gedanke reicht weiter als bis zu seinem letzten Wort.“
